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13.3.1990: Bericht Gesandter Sajdik
560
Dok. 135
4) Sicherheitsfragen, Neutralität, neue europ. Sicherheitsordnung
a)
(K)eine NATO-Mitgliedschaft Deutschlands?
Gegenüber Modrow schloss Gorbatschow die Möglichkeit einer NATO-Mitglied-
schaft Gesamt-Deutschlands in unmissverständlicher Form aus.11 Im MID sind
hiezu aber durchaus nuancierte Ansichten zu vernehmen. In der 3. Europäischen
Abteilung ist man z. B. bereit, die „französische Variante“ als Denkmodell zu
akzeptieren. Man meint jedoch hiezu, dass zum gegenwärtigen Zeitpunkt nie-
mand bereit ist, die BRD aus der NATO zu entlassen, ihr Territorium sei ja das
Kerngebiet der NATO. Gorbatschow meinte vor allem, so die Gesprächspartner
im MID, dass eine Mitgliedschaft Deutschlands in der NATO, so wie sie derzeit
ist, aus geschlossen sei. Ändere sich der Charakter des NATO-Bündnisses, etwa
mehr in Richtung einer polit. Union, so wäre an die Problematik anders heran-
zugehen.
Die Botschaft erinnert in diesem Zusammenhang an die Äußerungen des so-
wjet. Wissenschaftlers Proektor,12 die mit ho. FS 25099 vom 7.3.13 einberichtet
wurde.
b) Neutralität
Ausgehend von der Forderung, dass die Mitgliedschaft Deutschlands in der ge-
genwärtigen NATO ausgeschlossen sei, müssen andere Denkmodelle gefunden
werden. Eine Neutralität Deutschlands wäre eines davon, wobei es nicht so sehr
um das Wort „neutral“ zu gehen scheint, sondern um den Zustand der Block-
freiheit. In der für die DDR zuständigen Abteilung des MID meint man auch, dass
man sich eine Blockfreiheit Deutschlands als Denkvariante überlegen sollte und
verweist in diesem Zusammenhang auf die Beispiele Indien und China.
Ferner frage man, welcher tatsächliche Unterschied zwischen einer „franzö-
sischen Variante“ der NATO-Mitgliedschaft und einer Neutralität oder Block-
freiheit gegeben wäre.
In der 3. Europ. Abteilung ist man sich bewusst, dass derzeit die Neutralitäts-
idee nicht populär ist. Man verweist aber darauf, dass Neutralität nicht eine „Poli-
tik der freien Hände“ bedeutet, sondern vielmehr die Verpflichtung, eine Frie-
denspolitik zu betreiben.
11 Gorbatschow unterstrich die sowjetische Position, indem er festhielt, dass „ein Einschluss
eines künftigen Deutschlands in die NATO unakzeptabel ist, gleich welche Vorbehalte diesbe-
züglich auch vorgenommen werden. Man kann nicht Handlungen zulassen, welche zu einem
Zerschlagen des sich in Europa herausgebildeten Gleichgewichts führen würden, der Basis der
Stabilität und Sicherheit sowie des gegenseitigen Vertrauens und der Zusammenarbeit“. Siehe:
Gesandter Martin Sajdik an BMAA, Moskau, 7. März 1990, ÖStA, AdR, BMAA, II-Pol 1990,
GZ. 43.18.03/1-II.3/90.
12 Daniil M.
Proektor, Professor am Institut für Weltwirtschaft und Internationale Beziehungen
der Akademie der Wissenschaften der UdSSR (IMEMO, 1969–1999), siehe Personenregister
mit Funktionsangaben.
13 Das Fernschreiben konnte nicht aufgefunden werden.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Titel
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Untertitel
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Herausgeber
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 792
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99