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21.3.1990: Bericht Botschafter Binder
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Dok. 137
Bei einer ersten Analyse kann man feststellen, dass die Stärke der Parteien
von drei Einflussgrößen abhängt: der geografischen Lage innerhalb der DDR, der
Größe des Wohnortes sowie der beruflichen Tätigkeit und Stellung des Wählers.
Für die Allianz (insgesamt über 48 Prozent der Stimmen) ergibt sich in regionaler
Hinsicht ein kräftiges Gefälle von Süden nach Norden:
– in den südlichsten Bezirken Erfurt, Gera, Suhl, Karl-Marx-Stadt und Dresden
konnte sie Stimmenanteile von 60 bis 62 Prozent verbuchen
– in einem mittleren Bereich (Bezirke Magdeburg, Halle, Leipzig und Cottbus)
lag die Allianz zwischen 47 und 58 Prozent
– weiter nördlich (in den Bezirken Frankfurt, Potsdam, Neubrandenburg,
Schwerin und Rostock) lagen die Allianz-Anteile zwischen 33 und 42 Prozent
– das „rote“ Berlin fällt völlig aus dem Rahmen: hier musste sich die Allianz mit
22 Prozent und dem dritten Rang hinter SPD und PDS begnügen.
In Kreisen, wo der Anteil der Industriebeschäftigten über 45 Prozent beträgt,
konnte die Allianz mehr als 56 Prozent der Stimmen erreichen. In Gebieten mit
wirtschaftlich ausgewogener, aber industriell geprägter Struktur lag ihr Anteil bei
50 Prozent, d. h. nahe beim Durchschnitt. Unter den Durchschnitt blieb die Al-
lianz dort, wo Dienstleistungen oder aber interessanterweise die Landwirtschaft
dominieren. Demnach sind CDU und DSU4 Parteien der Industriearbeiterschaft.
Diese Tendenz wird auch durch eine INFAS-Erhebung5 am Wahltag – nach Ver-
lassen der Wahllokale – bestätigt: Arbeiter gaben zu 58 Prozent an, die Allianz
gewählt zu haben; Angestellte zu 47 Prozent; Rentner zu 43 Prozent und Ange-
hörige der Intelligenz nur zu 32 Prozent. In dieser letzten Gruppe waren PDS und
Bündnis 906 zusammen genau auf den gleichen Wert gekommen.
Sehr ausgeprägt ist auch das Gefälle von den großen zu den kleinen Gemein-
den. In den Großstädten ab 200.000 Einwohner kam die Allianz nur auf 25,5 Pro-
zent. Je kleiner jedoch der Ort, umso größer der Anteil der für eine Partei der
Allianz abgegebenen Stimmen. In der Kategorie der kleinsten Gemeinden (unter
2.000 Einwohner) waren das über 56 Prozent.
Die (Noch-)DDR ist also mehrfach gespalten: nach Nord und Süd, nach Stadt
und Land und nach Hand- und Kopfarbeitern.
Die PDS erhielt in jedem zweiten Ostberliner Stadtbezirk sowie in den Städten
Neubrandenburg, Frankfurt an der Oder und Potsdam ein Drittel der Stimmen.
Ihre schlechtesten Ergebnisse erreichte sie in den Bezirken Erfurt, Gera, Dresden
(9,76 %, 12,54 %, 14,76 %).
4 DSU = Deutsche Soziale Union
5 Institut für angewandte Sozialforschung (infas) mit Niederlassungen in Bonn und Mün-
chen. Siehe zur genannten Infas-Erhebung, DDR 1990. Wahl der Volkskammer der DDR am
18. März 1990. Analysen und Dokumente, hg. vom Institut für angewandte Sozialforschung,
Bonn / Bad Godesberg, 1990.
6 Listenvereinigung der Parteien Neues Forum, Initiative Frieden und Menschenrechte so-
wie Demokratie Jetzt, die gemeinsam bei den DDR-Volkskammerwahlen am 18. März 1990
antraten.
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Buch Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 - Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit"
Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Titel
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Untertitel
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Herausgeber
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 792
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99