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26.3.1990: Bericht Gesandter Sajdik Dok. 139
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zum Ausdruck gebracht hatte. Gorbatschows Formulierung gegenüber Lukanow
lt. TASS: „die Vereinigung von DDR und BRD hat eine einseitige Block-Orien-
tierung auszuschließen und muss durch eine Friedensregelung ihren Abschluss
finden.“
2) Schewardnadse-Genscher-Treffen in Windhuk5
Auch die TASS-Aussendung über das Treffen der beiden AM enthält keinerlei
„Anti-NATO-Formulierung“. Vielmehr ist die Rede von „der Notwendigkeit einer
sorgfältigen Berücksichtigung einer Vielfalt an Faktoren und an einander über-
lappenden Interessen sowie einer Erörterung aller
– auf den ersten Blick sogar un-
erwarteter – Lösungsvarianten“. Dies betreffe – so die TASS – auch das Problem
des militärischen Status eines vereinten Deutschlands.
Laut TASS-Wiedergabe des Gespräches sprach sich Schewardnadse in eher all-
gemeiner Form für die Unterzeichnung eines Friedensvertrags aus, während Gen-
scher für eine „pragmatische Lösung“ eintrat. Ein Friedensvertrag würde nach
den Worten Genschers nicht dem Geist der Zeit entsprechen.
3) Artikel in „Iswestija“ über Militärstatus Deutschlands
Der sowjetische außenpolitische „Starjournalist“, Alexander Bowin, geht in einem
Artikel in der „Iswestija“ vom 23.d.M.6 ausführlich auf die Frage einer möglichen
NATO-Mitgliedschaft des vereinten Deutschlands ein. Er schreibt, dass dies zwei-
fellos „unsere schwere außenpolitische Niederlage deutlicher machen würde“. Die
Transformation der DDR ist aber lt. Bowin nur ein Teil der viel breiteren Verände-
rungen in Europa, welche die SU dazu nötigen, aus dem Teil Europas abzuziehen,
den man in der UdSSR üblicherweise als den „unseren“ bezeichnete. Wörtlich
meint Bowin: „Werfen wir einen Blick auf die Landkarte. Ein Anschluss an das
zur NATO gehörige Territorium des Gebietes der heutigen DDR kann sich wohl
kaum merkbar auf unsere Sicherheit auswirken.“ Der sowjetische Journalist wen-
det sich auch dagegen, auf die Welt von heute und morgen mit Ansichten von ge-
stern und vorgestern zu schauen. Wichtig sei, dass die Vereinigung Deutschlands
nicht eine Bedrohung des Friedens mit sich bringe, meint der sowjet. Kommenta-
tor, um dann folgendes Modell von im Westen derzeit diskutierten Kompromiss-
ideen einer „NATO-Variante“ darzulegen:
5 Anlässlich der Unabhängigkeit des Staates Namibia trafen sich u. a. die Außenminister Gen-
scher, Baker und Schewardnadse in Windhoek am 22. März 1990. Bei dieser Gelegenheit
wurde auch die Einheit Deutschlands diskutiert. Vgl. Vermerk des Leiters des Ministerbüros,
Elbe, vom 28. März 1990 über das Gespräch von Bundesaußenminister Genscher mit dem so-
wjetischen Außenminister Ševardnadze am 22. März 1990 in Windhoek (=
Dokument 23), in:
Diplomatie für die deutsche Einheit, S. 113–120. Siehe auch Dokument 18, in: Der Kreml und
die deutsche Wiedervereinigung 1990.
6 Alexander Bowin, Politischer Kommentator der sowjetischen Tageszeitung Iswestija (1972–
1991), siehe Personenregister mit Funktionsangaben. Der Iswestija-Artikel liegt dem Bericht
nicht bei.
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Buch Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 - Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit"
Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Titel
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Untertitel
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Herausgeber
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 792
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99