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4.4.1990: Bericht Botschafter Magrutsch Dok. 142
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Europäische Zusammenarbeit:
Völlig verschiedene19 Auffassungen bestanden bezüglich der Zukunft Europas:
Bundeskanzler Kohl legte ein „flammendes“ Bekenntnis zur Europäischen
Union ab, wobei er soweit ging, selbst das Argument zu akzeptieren, daß diese
notwendig sei, um Deutschland zu kontrollieren, da es ihm nur um die Verwirk-
lichung dieses Zieles ginge, wobei auch die deutsche Vereinigung der europä-
ischen Einigung dienen werde.
PM Thatcher hielt dazu öffentlich (Pressekonferenz) fest, daß Großbritannien
erst nach Erfüllung der von ihr mehrfach genannten Voraussetzungen dem euro-
päischen Währungsmechanismus beitreten werde. Als „Entgegenkommen“ ver-
wies sie darauf, daß diesbezüglich große Fortschritte erzielt worden seien und daß
sie hoffe, „bald“ die britische Inflationsrate senken zu können.
Zur Europäischen Union verwies sie darauf, daß bereits jetzt eine „extensive
political co-operation“ bestünde und daß es dabei sein Bewenden haben sollte, da
es, so, wie es jetzt sei, „am allerbesten“ sei, da jeder freiwillig zusammenarbeite,
jedoch zugleich auch seinen eigenen Nationalstolz, seine eigene Geschichte und
Identität beibehalten könne.
Die doch ziemlich klare Absage an jede „Europäische Union“
– vom Vorschlag
BK Kohls auf Einberufung einer Regierungskonferenz für institutionelle Fragen
ganz zu schweigen – kompensierte PM Thatcher dadurch, daß sie, etwas über-
raschend, die Bedeutung der KSZE besonders unterstrich und diese – neben der
NATO
– als idealen Rahmen für die gesamteuropäische Zusammenarbeit präsen-
tierte und dazu in ihrem Vortrag zur Königswinterkonferenz eine Reihe (mehr
oder weniger neuer) Vorschläge für den KSZE-Gipfel machte.
Einzelgespräche:
Da im Rahmen der Begegnung die Positionen beider Seiten im voraus durch die
beiden Reden bei der Königswinterkonferenz festgelegt wurden, beschränkten
sich die Gespräche weitestgehend auf nicht kontroversielle Fragen, d. h. auf einen
allgemeinen Informations- und Meinungsaustausch; ein Abgehen von den auf
höchster Ebene festgelegten Positionen erschien kaum möglich.
Zum genauen Inhalt der Gespräche der Regierungschefs, die tête-à-tête erfolg-
ten, war den Gesprächspartnern der Botschaft nichts Näheres bekannt.
Das Gespräch der Außenminister bestand zu 70 % aus deutschen Erläuterun-
gen über die Entwicklung der Lage in der DDR, den innerdeutschen Dialog und
Informationen über die praktischen und rechtlichen Schritte der Bonner Regie-
rung, wobei folgender Zeitplan bekanntgegeben wurde:
Verwirklichung der Währungsunion noch vor dem Sommer ebenso Antrag gem.
Art. 23, Abschluß der 2+4 Gespräche, deren Ergebnis dem Gipfel der KSZE „zur
Kenntnis“ gebracht werden soll, und gleichfalls Abschluß der Wiener Abrüstungs-
verhandlungen noch in diesem Jahr. Die westdeutschen Parlamentswahlen sollen
19 Handschriftliche Unterstreichung durch Plattner.
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Buch Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 - Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit"
Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Titel
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Untertitel
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Herausgeber
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 792
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99