Seite - 588 - in Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 - Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
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18.4.1990: Bericht Botschafter Binder
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Dok. 144
wegen dieses Umstandes gekündigt. In anderen Betrieben wurden Mitarbeiter,
die sich für das neue Regime engagiert hatten, entlassen. Auf entsprechende Ein-
wände wurde ihnen mitgeteilt, dies sei eben die von ihnen gewünschte Markt-
wirtschaft.
In einer nach der Regierungsbildung am 12. d. M. abgegebenen Erklärung5
warnte Ministerpräsident de Maizière vor einer Überstürzung des Prozesses der
Einigung, diese müsste gut vorbereitet werden. Diese Worte klangen sicher nicht
ganz nach dem Wunsch Bonns, doch entsprechen sie ohne Zweifel den heutigen
Vorstellungen des größeren Teils der hiesigen Bevölkerung. Die bis zur Wahl vor-
handene Euphorie in Richtung einer Vereinigung der beiden deutschen Staaten
ist nunmehr einer mehr nüchternen Betrachtungsweise gewichen, indem man
auch die damit verbundenen Nachteile, wie Arbeitslosigkeit, erhöhte Mieten und
Preise in Erwägung zieht. Eine kürzlich von einem westdeutschen Meinungs-
forschungsinstitut durchgeführte Umfrage in der DDR,6 wer als Kanzler eines
vereinigten Deutschlands vorgezogen würde, ergab, dass 24 % Kohl, aber 46 %
Lafontaine wählen würden, ein Ergebnis, das den ursprünglichen Voraussagen
betreffend das Verhältnis „Allianz für Deutschland“ – SPD für die Wahlen des
18. März nahe kommt. Der Grund für diesen neuerlichen Meinungsumschwung
dürfte wohl darin zu suchen sein, dass die Menschen in der DDR mit der Wahl der
konservativen Parteien einen unmittelbaren erheblichen Anstieg ihres Lebensni-
veaus erwartet hatten, der natürlich nicht eintreten konnte. Man hat sich in weiten
Kreisen vorgestellt, dass man die in der DDR auf manchen Gebieten, wie Arbeit
und Soziales, vorhandenen Vorteile gegenüber der BRD beibehalten, gleichzeitig
aber auch die Vorteile der Marktwirtschaft erwerben könnte. Die im Wahlkampf
aufgetretenen BRD-Politiker haben sich diesbezüglich praktisch nicht geäußert
und die DDR-Bürger im Ungewissen gelassen. Dass nun seit dem 18. März ein
Meinungsumschwung eingetreten ist und man weit verbreitet von „Verschauke-
lung“, ja sogar von Wahlbetrug spricht, kann also nicht verwundern.
Die Gespräche der neuen DDR-Regierung bzw. ihrer Mitglieder mit ihren Pen-
dants in der Bundesrepublik werden vermutlich nicht ganz so glatt verlaufen, wie
man es ursprünglich gedacht hatte. So hat Herr de Maizière im Einklang mit der
5 Nach seiner Wahl zum Ministerpräsidenten hatte de Maizière nach einigen Worten des Dan-
kes u. a. gesagt: „Gehen Sie bitte von der festen Überzeugung aus, daß diese Regierung mit Zu-
versicht, mit Augenmaß und in großer sozialer Verantwortung die Probleme angehen wird,
die vor uns stehen. Dabei geht es um die Festigung der demokratischen Ordnung und um
den Frieden nach innen, und es geht um den Geist friedlicher und freundschaftlicher Nach-
barschaft nach außen. Unser Ziel ist die staatliche Einheit Deutschlands in einem einigen
Europa […]. Die Regierung ist kein Selbstzweck. Wir verstehen uns vielmehr als Sachwalter in
schwieriger Zeit und als Anwälte der wohl verstandenen Interessen aller Menschen in unserem
Land, so auch der Bauern, die ihre Sorgen und Nöte eben […] vorgetragen haben und die ins-
besondere darin bestehen, daß ungeschützt Waren des EG-Bereiches unser Territorium errei-
chen. Wir werden uns darum kümmern.“ Für den vollen Wortlaut von de Maizières Aussagen
siehe: Protokolle der Volkskammer der Deutschen Demokratischen Republik 10. Wahlperiode
(5. April bis 2. Oktober 1990).
6 Die Umfrage konnte nicht ausfindig gemacht werden.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Titel
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Untertitel
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Herausgeber
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 792
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99