Seite - 593 - in Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 - Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
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24.4.1990: Resümeeprotokoll Gesandter Plattner Dok. 146
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Einhaltung die SU besteht, seien in ihrem Ausmaß nicht bekannt und stellten ein
weiteres großes Problem dar. Ein psychologisches Problem sei die Diskrepanz
zwischen hohen Erwartungen in der DDR und der Tatsache, daß 50 % der
BRD-Bevölkerung kaum einen „DDR-Bezug“ haben und sich die Frage stellten,
warum die BRD „soviel bezahlen“ solle. Dieses Zögern könne sich in Mißmut
umschlagen, wenn die deutsche Vereinigung zulange auf sich warten ließe. Die
Währungsunion müßte bis zum 8. Juli fertiggestellt sein, damit die DDR-Bürger
mit der Westmark in die Ferien fahren könnten.
Auf die Frage des HGS, welche Auswirkungen die deutsche Vereinigung auf
Europa und Österreich aus BRD-Sicht haben werde, weist Stm. Schwätzer dar-
aufhin, daß in der Relation zur EG keine neuen Verträge notwendig seien. Nach
Abschluß der 2+4-Gespräche (das erste Treffen der AM am 5. Mai in Bonn)5
werde die Vereinigung gemäß § 23 Grundgesetz erfolgen. Man müßte vor Wirk-
samwerden des EG-Rechts im DDR-Raum Übergangslösungen anstreben, anson-
sten müßte man die jetzige DDR „zusperren“ (Hinweis auf Zustand der Betriebe,
Umwelt usw.). Auch die Warenkontrolle an der internen Grenze müsse noch
lange aufrecht bleiben. Noch vor 1993 müsse ein Maximum an EG-Standard auf
DDR-Gebiet angestrebt werden. Die jetzige Wirtschaftskraft der DDR betrage
10 % der BRD-Kapazität. Auf die Frage des HGS, wie die österreichischen Wirt-
schaftschancen im vereinigten Deutschland und insbesondere im DDR-Gebiet
eingeschätzt werden, stellt Stm. Schwätzer fest, daß vor allem Privatinvestitionen,
und zwar aus allen Industriestaaten, die DDR-Wirtschaft entwickeln müßten.
Selbstverständlich solle sich Österreich daran beteiligen.
Mit DDR-AM Meckel6 werde jetzt schon die gemeinsame Haltung beider
deutschen Staaten in internationalen Organisationen, vor allem auch in der KSZE,
vorbereitet. Die 2+4-Gespräche müßten möglichst rasch abgeschlossen werden,
wobei der Bereich „Sicherheit“ die größten Probleme bereite, vor allem auch des-
halb, weil die SU ihre Haltung in diesem Fragenkomplex noch nicht festgelegt
habe. Deutschland müsse jedenfalls in der NATO bleiben.
Der HGS wies auf den Umstand hin, daß in der für die BRD und Österreich
zuständigen Abteilung im sowjetischen AM seit vielen Jahren keine personelle
Veränderung erfolgt ist. Bondarenkos7 Einfluß auf Schewardnadse sei sicher-
lich gegeben.
Der HGS wiederholt sodann das österreichische Interesse, den KSZE-Gipfel in
Wien zu beherbergen.8 Gastgeber wäre der HBK, der erforderliche Apparat stehe
5 Das erste 2+4-Außenministertreffen fand am 5. Mai 1990 in Bonn statt. Siehe dazu Dok.
149–150.
6 Markus Meckel, Minister für Auswärtige Angelegenheiten der DDR (April – August 1990),
siehe Personenregister mit Funktionsangaben.
7 Alexander Bondarenko, Leiter der Abteilung 3 (Europa) im Ministerium für Auswärtige An-
gelegenheiten der UdSSR (1971–1991), siehe Personenregister mit Funktionsangaben.
8 Siehe dazu bereits Dok. 48, Anm. 6. Wenig später nach dem EG-Gipfel in Dublin am 28. April
1990 war klar, dass es seitens der EG-Staaten eine Präferenz für Paris gab. Siehe dazu bereits
Dok. 141, Anm. 14.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Titel
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Untertitel
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Herausgeber
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 792
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99