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24.4.1990: Resümeeprotokoll Gesandter Plattner
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Dok. 146
Sicherheitsfrage:
Dies sei ein besonderes „haariges“ Thema, weil das sowjetische Sicherheits-
bedürfnis damit verknüpft sei. Die Gorbatschow-Gegner würden mit dem Blut-
zoll der sowjetischen Armee im Zweiten Weltkrieg argumentieren. Die Antwort
auf die Frage, was die SU für die Deutsche Vereinigung „bekomme“, gestalte sich
deswegen schwierig, weil die sowjetische Position nicht klar ersichtlich ist (zuerst
Neutrales Deutschland, dann nicht NATO-Mitglied usw.). Aus deutscher Sicht
komme die Neutralität nicht in Frage, die NATO-Mitgliedschaft sei nicht „negot-
iable“, weil der Friede noch nicht gesichert ist (ethnische Probleme etc.), die neuen
Strukturen noch fehlen und weil die BRD die USA und Kanada militärisch und
politisch in Europa eingebunden wissen wolle.
Die KSZE brauche neue Strukturen, AM Genscher habe hiefür Vorschläge ge-
macht.21 Letzten Endes müsse eine Art „Europäischer Sicherheitsrat“ geschaf-
fen werden. Zur NATO-Gipfelkonferenz22 werde AM Dumas23 ein Einladungs-
schreiben für Paris an die KSZE-Staaten richten. Die NATO müsse erhalten
bleiben, aber die Strategie ändern. Letzten Endes würden auch die Russen es so
sehen. Die NATO werde deutscherseits zu Strategieänderung gedrängt; auf die
Wechselwirkung zwischen NATO-Änderung und interne Schwierigkeiten Gor-
batschows werde hingewiesen. Sowjetische Soldaten könnten ruhig selbst ohne
sofortige zeitliche Begrenzung (SIC!) in der DDR bleiben. Zur Reduzierung der
BRD-Soldaten wolle er keine Zahlen nennen. Die künftige Truppenstärke könnte
aber eher bei 300.000 als bei 400.000 liegen. Diese Frage gehöre aber in die KSE24
(keine Singularisierung Deutschlands!). NATO-Soldaten sollten auf jetzigem
DDR-Gebiet nicht stationiert werden, darüber werde man bei 2+4 sprechen. Für
die Neue Volksarmee gebe es keine Pläne, sie sei derzeit immobil, stehe vielleicht
auch vor der Auflösung und könnte in Zukunft vielleicht als Grenztruppe einge-
setzt werden.
Vier-Mächte-Abkommen:
In welcher Form die Aufgabe der Verantwortlichkeit der vier Mächte erfolgen
wird, sei nicht klar. Sicher ist, daß es keinen Friedensvertrag geben werde. („Wir
sind nicht mehr die Besiegten!“)
21 Genscher hatte ausgeführt, dass sich Deutschland für die Weiterentwicklung der KSZE
durch Errichtung neuer gesamteuropäischer Institutionen einsetzen werde. Dazu rechnete er
z. B. Institutionen zur Koordinierung der Ost-West-Wirtschaftskooperation, zur Sicherung
der Menschenrechte, zur Schaffung eines europäischen Rechtsraums, eine europäische Um-
weltagentur, ein europäisches Verifikations- und ein Konfliktverhütungszentrum. Siehe dazu
bereits Dok. 116, Anm. 6. und Dok. 119, Anm. 12 und Dok. 140, Anm. 12
22 Im Originaldokument handschriftlich auf KSZE-Gipfelkonferenz korrigiert
23 Dumas hatte in diesem Schreiben für Paris als Austragungsort der KSZE-Gipfelkonferenz
geworben.
24 KSE = Verhandlungen über Konventionelle Streitkräfte in Europa. Seit 6. März 1989 wurde
in Wien im KSZE-Rahmen zwischen Vertretern des Warschauer Pakts und der NATO über
eine Reduzierung konventioneller Streitkräfte in Europa (KSE) verhandelt. Der KSE-Ver-
trag wurde am 19. November 1990 am Pariser KSZE-Gipfel unterzeichnet. Siehe dazu bereits
Dok. 20, Anm. 10.
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Buch Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 - Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit"
Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Titel
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Untertitel
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Herausgeber
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 792
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99