Seite - 597 - in Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 - Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
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24.4.1990: Resümeeprotokoll Gesandter Plattner Dok. 146
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Zeitrahmen:
Das Ergebnis der 2+4-Gespräche müsse noch im Laufe des Jahres 1990 dem KSZE-
Gipfel vorgelegt werden. Dieser sei aber keine Entscheidungsinstanz, sondern
nehme nur zur Kenntnis. Im übrigen würden die Freunde der BRD in laufenden
Konsultationen informiert. Seitens der BRD habe man auch Verständnis für ein
gewisses Zögern der Nachbarstaaten, wenn man sich die Ereignisse der ersten
Hälfte des Jahrhunderts in Erinnerung rufe. In der BRD habe man die posi-
tive österreichische Haltung zur Deutschen Vereinigung mit großer Freude zur
Kenntnis genommen. („Ein fabelhaftes Stück der Partnerschaft.“) Die Haltung
der USA sei besonders wichtig gewesen. Auch die Franzosen seien jetzt sehr hilf-
reich, müssen sich aber erst mit dem Gedanken „Deutschland“ anfreunden. Ge-
wisse Probleme gebe es mit Frau Thatcher. Hinsichtlich der 2+4-Gespräche seien
die Briten sehr reserviert gewesen (das Foreign Office habe sich teilweise nicht mit
der Premierministerin solidarisiert).25
Der HGS erkundigt sich nach der wieder aktualisierten Idee der Vollendung
der Europäischen Politischen Union, allenfalls mit Verteidigungskomponente.
Sudhoff:
Die Deutsch-Deutsche-Entwicklung helfe Österreich. Gewisse „Spitzen“ gegen
einen EG-Beitritt würden beseitigt werden. Wenn die SU die Deutsche Vereini-
gung „schlucke“ und dieses Deutschland unter einem KSZE-Dach sei, dann sei
auch die österreichische Neutralität in einem neuen Licht zu sehen. Der Einbau
der Sicherheits- oder gar Verteidigungskomponente in die EG sei nicht so schnell
möglich. Zuerst brauche man politische Strukturen und das sei schon sehr viel.
Durch Verteidigungselemente in der EG würde die Existenz der NATO in Frage
gestellt werden. Österreich brauche sich auch keine Sorgen darüber zu machen,
daß es von der EG hingehalten werde.
Das politische Schicksal Gorbatschows sei ungewiß, werde aber auch durch
wirtschaftliche Fragen entschieden werden. Derzeit sei er nicht gefährdet. Die
Franzosen seien jetzt optimistischer als früher.
Der HGS erläutert sodann die österreichische Einschätzung der Lage in Ju-
goslawien (die auch in der BRD große Sorge bereite; aus Kosovo 2.800 Asylwerber
in BRD!).
StS. Sudhoff weist abschließend auf die erhöhte Bedeutung des Konsular-
dienstes hin (personelle Verstärkung!) und stellt fest, daß die Einführung der
25 Sowohl Thatcher als auch das Foreign Office waren gegenüber der deutschen Einheit skep-
tisch, aber das Foreign Office erkannte früher die Aussichtslosigkeit eines Widerstandes und
versuchte hingegen den Prozess mitzugestalten. Im Dezember 1989/Jänner 1990 traten die
Unterschiede dann offen zutage. Vgl. Klaus Larres, Margaret Thatcher and German Unifica-
tion Revisited, in: Wolfgang Mueller / Michael Gehler / Arnold Suppan (Hg.), The Revolutions
of 1989. A Handbook, Wien 2015, 355–384, hier 377–383; Sowie die Dokumente 142–144,
180–182, 185–186, 190, 192 bis 195 in: DBPO III / VII: German Unification. Siehe auch Dok. 122
sowie auch Dok. 138 und 142.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Titel
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Untertitel
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Herausgeber
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 792
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99