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7.5.1990: Gespräch Vranitzky – Mitterrand Dok. 147
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in politischer Hinsicht einen wesentlichen Beitrag zur Weiterentwicklung der In-
tegration leisten könne. Ebenso sei man sich dessen bewußt, daß Integration nicht
nur Chancen, sondern auch die Übernahme von Pflichten beinhalte. In letzter
Zeit hatten sich Spekulationen und Zeitungsartikel über Vorbehalte Frankreichs
gegenüber der Aufnahme Österreichs gemehrt. Nach seinen Gesprächen mit fran-
zösischen Politikern habe er eigentlich nicht diesen Eindruck gewonnen, und er
sei daher an einer politischen Abklärung interessiert. Österreich bereite sich auf
die Verhandlungen und die mögliche Mitgliedschaft gut vor. Selbstverständlich
verstehe man, daß es in der EG Vorhaben gebe, die zuerst noch geklärt werden
müßten. Österreich sei an einer individuellen Behandlung seines Antrags interes-
siert, und dürfe nicht mit anderen Staaten, die ein Beitrittsniveau noch lange nicht
erreichen würden, in einen Korb getan werden. Auch dürften an die Tatsache, daß
man in Österreich Deutsch spreche, keine Spekulationen angeknüpft werden, daß
Österreich als etwas anderes als die Republik Österreich zur EG stoße.
Präsident Mitterrand erklärte, daß man auch bei der Erweiterung um Spanien
und Portugal aus Bedenken, die von der Regierung Giscard d’Estaing vorgebracht
wurden, noch eine negative Haltung Frankreichs konstruierte, als seine Regie-
rung bereits eine positive Position zur Erweiterung bezogen hatte. Das seien nur
Vorwände und Ausreden, in denen Frankreich vorgeschoben werde. Es gebe eine
„volonté générale“, die EG derzeit nicht zu öffnen, zumindest bis die verschiede-
nen Vorhaben bis 1993 abgeschlossen seien. Auch würden alle „neuen Europäer“
zur EG drängen, das erschwere die Situation der Beitrittswerber. Zusätzlich gäbe
es auch die Überlegung der Mitglieder, wie man alle anderen anstehenden Pro-
bleme lösen könne, wenn man sich jetzt öffne. Sicherlich gäbe es auch innerhalb
der EG verschiedene Tendenzen. Er habe den Eindruck, daß zum Beispiel Groß-
britannien eine Auflösung der EG in eine große Freihandelszone anstrebe. Für
Frankreich sei das unakzeptabel. Frankreich und die BRD würden auf ein durch-
organisiertes Europa hinarbeiten. Österreich würde sich auf jeden Fall bis 1993
gedulden müssen.
Der Herr Bundeskanzler erwiderte, er wolle vor allem Verständnis dafür fin-
den, daß Österreich auch für die Ziele eines vereinten Europas ein Partner sein
könne. Es sei verständlich, daß sich die EG ihren eigenen Zeitplan festlege, das
gäbe auch für Österreich ein klares Bild. Wichtig sei derzeit für Österreich die
grundsätzliche Bereitschaft, mit Österreich zu verhandeln, nachdem die beste-
henden Vorhaben abgeschlossen wurden.
Präsident Mitterrand erklärte dazu, es sei keine Frage, daß Österreich der erste
Kandidat sei und auch alle Bedingungen erfülle. Bis Ende 1992 sei es schließlich
nurmehr eine kurze Spanne, und wenn Österreich beitreten wolle, habe Frank-
reich nichts dagegen. Die Verhandlungen mit [der] EFTA3 hätten allerdings einige
3 Auf Initiative des EG-Kommissionspräsidenten Jacques Delors sollte die Schaffung des „Euro-
päischen Wirtschaftsraumes“ (EWR) zwischen der EG und den EFTA-Staaten vorangetrieben
werden. Das Abkommen über den EWR wurde am 2. Mai 1992 in Porto unterzeichnet und trat
schließlich mit 1. Jänner 1994 in Kraft.
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Buch Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 - Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit"
Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Titel
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Untertitel
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Herausgeber
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 792
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99