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8.5.1990: Gespräch Vranitzky – Thatcher
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Dok. 148
bleme innerhalb der EG seien beträchtlich: der Binnenmarkt sei noch keineswegs
beendet, und dazu habe man den deutschen Vereinigungsprozess vorgesetzt be-
kommen. Auch für das weitere Vorgehen der EG gegenüber der DDR sei strikte
Kontrolle notwendig, es sei vor allem wichtig, dass keinerlei kommunistische
Strukturen beibehalten würden. Die EG habe damit zu viele Probleme auf ihrem
Programm, so dass sie nicht noch zusätzliche Fragen aufgreifen könnte. Es sei ihr
bewusst, dass das eine gewisse Enttäuschung für Österreich sei, aber immerhin
würde Österreich durch die Verhandlungen zwischen EG und EFTA4 ja schon
näher an die EG heranrücken können.
Der Herr Bundeskanzler führte dazu aus, dass Österreich ernsthaft in den
EG und EFTA-Prozess eingeschaltet sei, dass jedoch dieser Prozess die Mitglied-
schaft kaum ersetzen könnte. Österreich schreite in der Vorbereitung auf die
EG-Mitgliedschaft gut voran, und habe bereits eine Menge interner Veränderun-
gen durchgeführt. Österreich sei bereit und vorbereitet, auch die Verpflichtungen,
die sich aus der EG-Mitgliedschaft ergeben, zu übernehmen. Österreich würde in
mehrfacher Hinsicht zur Weiterentwicklung der Integration beitragen, sowohl in
geographischer Hinsicht, wie auch wirtschaftlich und finanziell. Premierminister
Thatcher führte dazu aus, dass in der EG niemand Nein zur österreichischen Mit-
gliedschaft gesagt habe, „It is just that we cannot digest it.“ Sie kam sodann auf die
Entwicklungen in Osteuropa zu sprechen, die sie mit einer gewissen Beunruhi-
gung verfolgen würde. Nationale Spannungen, religiöse Probleme, Probleme zwi-
schen den einzelnen Staaten, fragwürdige Grenzen, und die allgemeine Verunsi-
cherung von politisch, wirtschaftlich und ideologisch entwurzelten Menschen
wären für diese Beunruhigung verantwortlich. In dieser Situation käme insbe-
sondere der KSZE große Bedeutung zu, welche die Instrumente für die friedliche
Beilegung dieser Probleme biete.
Der Herr Bundeskanzler meinte dazu, dass auch er gewisse Entwicklungen in
Osteuropa mit Sorge verfolge. Er sei zwar nicht pessimistisch, was die Lösung der
anstehenden Probleme betreffe, doch sei es gefährlich, die Probleme nicht klar zu
sehen und zu artikulieren. Vieles sei durch die neue Freiheit nach Jahren der Un-
terdrückung eine unvermeidliche Reaktion. Österreich verfolge mit besonderer
Aufmerksamkeit die Entwicklungen in Jugoslawien. Eine Eskalation der inne-
ren Probleme Jugoslawiens, womöglich bis hin zu einer Auflösung des Staatsver-
bands, würde ernste Konsequenzen und würde viele weitere Probleme nach sich
ziehen. Österreich sei zusätzlich zu den internationalen Maßnahmen in allen ost-
europäischen Staaten bilateral sehr engagiert, sowohl was wirtschaftliche Zusam-
menarbeit betreffe, wie auch kulturelle und soziale Fragen, und Österreich leiste
eine Reihe von kleinen und stillen Vermittlungsaufgaben.
Premierminister Thatcher meinte dazu, dass ihrer Meinung nach zu einem
Zeitpunkt, wo sich Osteuropa von der zentralen Lenkung und dem Dirigismus
abwende, Westeuropa nicht eine Gegenbewegung eingehen könnte. Sie würde da-
her einer stärkeren Zentralisierung der EG und vor allem auch dem Konzept der
4 Siehe dazu bereits Dok. 147, Anm. 4.
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Buch Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 - Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit"
Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Titel
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Untertitel
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Herausgeber
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 792
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99