Seite - 609 - in Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 - Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
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8.5.1990: Bericht Botschafter Bauer und Gesandter Loibl Dok. 149
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chen, aber nicht entschieden werden könne, und 2+4-Gespräche (nicht Verhand-
lungen!) anderen Gremien keine Kompetenzen entziehen würden, daher wurde
Formulierung schließlich akzeptiert.
SU deutet lt. Höynck mögliche Lockerung der Verbindung zwischen Lösung
der äußeren und inneren Aspekte an (Eingangserklärung Schewardnadses: „un-
serer Vorstellung nach muss die Lösung der inneren und äußeren Aspekte der
deutschen Einheit zeitlich nicht unbedingt zusammenfallen oder innerhalb der
gleichen Übergangsperiode abgeschlossen werden“).
Aus BRD-Sicht sei wichtig, dass diese SU-Position in keiner Weise erläutert
oder im Verlauf der Gespräche vertieft wurde. Dies unterstreiche Offenheit der
SU-Position. Bundesregierung müsse erst überlegen, was das bedeute und werde
sich dazu auch in Regierungserklärung am 10.5.19908 kaum äußern.
Da nach SU-Auffassung Sicherheitsstatus Deutschlands nicht ohne Perspektive
weiterer Entwicklung in Europa gelöst werden kann, ergibt sich Frage, wie Über-
gangszeit unter Berücksichtigung sowjetischer Sicherheitsinteressen ausgestattet
werden könne.
Schewardnadse habe nochmals SU-Ablehnung einer NATO-Mitgliedschaft
eines vereinigten Deutschlands wiederholt. Dies sei für SU (Höynck zufolge je-
denfalls im Augenblick) schwer zu verkraften. Auch deshalb Einbeziehung des
Zeitelements durch SU verständlich: Hinweis auf KSZE-Entwicklung und Abrü-
stungsverhandlungen ließen erkennen, dass SU mit Konzept einer Übergangszeit
arbeiten wolle. AA sei überzeugt, dass sowjetische Seite keine Klarheit habe, was
dies im Einzelnen bedeute (wie lebhafte Diskussionen innerhalb sowjetischer
Delegation auf diesbezügliche deutsche Fragen am Konferenzvorabend zeigten).
Neben Sicherheitsstatus sei Einhaltung der Verträge mit der DDR (insbes. wirt-
schaftliche) „ein ganz zentraler Punkt“: DDR-Anteil an SU-Importen 1988 z. B.
bei Ausrüstung für Nahrungs- und Genussmittelindustrie 27,7 %, Landmaschi-
nen 41,5 %, rollendes Eisenbahnmaterial und Hilfsausrüstung 27,3 %, Schiffe und
Schiffsausrüstung 25,9 %.
BK und Genscher hätten deshalb Schewardnadse versichert, deutsche Einheit
nicht zum Schaden und Nachteil Moskaus gestalten zu wollen, Wirtschaftslie-
ferungen wurden jedoch nicht konkret behandelt. Stellv. CDU-Fraktionsvorsit-
zender Hornhues9 hatte demgegenüber Botschaft gestern bestätigt, dass DDR-
Regierung selbst nicht Auswirkungen der (ihr zum Teil noch gar nicht bekann-
ten) Verträge mit der SU kenne und angedeutet, diesbez. Zusagen der BRD seien
daher etwas locker.
8 Die Erklärung der Bundesregierung vom 10. Mai 1990 nahm unter II. auf die innere Dimen-
sion des Einigungsprozesses Bezug. Vgl. Bulletin des Presse- und Informationsamtes der
Bundesregierung Nr. 58 vom 11. Mai 1990.
9 Karl-Heinz Hornhues, Stellvertretender Vorsitzender der CDU / CSU-Fraktion im Deutschen
Bundestag, zuständig für die Bereiche Außen-, Verteidigungs-, Deutschlandpolitik und wirt-
schaftliche Zusammenarbeit (1989–1994), siehe Personenregister mit Funktionsangaben.
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Buch Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 - Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit"
Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Titel
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Untertitel
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Herausgeber
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 792
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99