Seite - 627 - in Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 - Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
Bild der Seite - 627 -
Text der Seite - 627 -
31.5.1990: Resümeeprotokoll Gespräche Botschafter Schmid Dok. 153
627
kutivbefugnis der Kommission stärken solle. Eine Stärkung des Kommissions-
präsidenten und der Kommission könne auch dahingehend erfolgen, daß der
Kommissionspräsident bei der Wahl der Kommissäre ein Auswahlrecht hätte.
Europäisches Parlament:
Die BRD wünsche sich eine Stärkung des EP (nationale und parteipolitische Ele-
mente in EP). Im Moment bestünde wegen der mangelnden Kontrolle durch na-
tionale Elemente ein Demokratiedefizit. Eine Lösung wäre es, nationale Abgeord-
nete nach Europa zu holen (2. Kammer mit Regionalstruktur).
Deutsch-französische Initiative:23
Die BRD befürworte eine Stärkung des Europäischen Rates. Die 6-monatige
rotierende Präsidentschaft sei effizient. Denkbar wäre die Festlegung der Zustän-
digkeit des Europäischen Rates auch für Fragen der Wirtschafts- und Währungs-
union. Andere EG-Mitglieder (Großbritannien) können sich einen so weitgehen-
den Schritt der „Intergouvernementalen Europäischen Union“ nicht vorstellen.
Denkbar wäre eine Europäische Akte Nummer 2 mit einem weiteren Schritt
in Richtung Politischer Union. Dr. von Kyaw betont, daß sich Deutschland be-
deckt halten werde, um Margaret Thatcher nicht zu verschrecken. Man werde
sich noch einmal mit Frankreich zusammensetzen. Es gebe ein gutes Papier der
Belgier24 – dies zu erreichen wäre wünschenswert. Ein Festschreiben des Euro-
päischen Rates in Verträgen wäre vorstellbar, hier würde allerdings die Akzeptanz
Englands fehlen. Man solle daher noch etwas abwarten, bis auch England dazu
bereit ist.
Wirtschafts- und Währungsunion:25
In diesem Bereich seien die Substanzfragen weiter offen. Sowohl die Europäische
Zentralbank als auch die Nationalbanken sollten unabhängig sein. Haushaltsdis-
ziplin sei ein gutes Prinzip, doch das Prinzip allein ohne Sanktionsmöglichkeit
wäre nicht ausreichend. Der Vorschlag der Kommission einer Stimmgewichtung
im Rat stelle einen Rückschritt gegenüber dem Delors-Bericht dar. Deutschland
wolle „One man – one vote“ in einer unabhängigen europäischen Zentralbank.
Es bestünden auch Zweifel an der Fähigkeit der einzelnen Mitgliedsstaaten, sich
23 Siehe dazu bereits 141, Anm. 14.
24 Die Einheitliche Europäische Akte (EEA) von 1986 (in Kraft 1987) sah eine Reform der Rö-
mischen Verträge (1957), die Einführung von Mehrheitsentscheidungen im EG-Ministerrat
(heute Rat der EU) sowie die Realisierung des Binnenmarkts und eine Politische Union vor.
Im Zuge der sich abzeichnenden deutschen Einigung wurde – noch vor dem Unionsver-
trag von Maastricht (1991 (in Kraft 1993) – über eine „EEA II“ nachgedacht. Die belgische
Seite unter Ministerpräsident Wilfried Martens und Außenminister Mark Eyskens versuchte
einerseits zwischen dem deutschen Anliegen der Vergemeinschaftung und zugleich betont
deutscher Zurückhaltung, die britische Seite nicht weiter zu verschrecken, und andererseits
dem britischen Verlangen nach dem Binnenmarkt als Primärziel zu vermitteln, indem der bis
Maastricht nicht im gemeinschaftlichen Rechtsbestand befindliche Europäischen Rat nun in
diesem zu verankern wäre, was auch deutscherseits auf Zustimmung traf.
25 Siehe dazu bereits Dok. 98, Anm. 7 und 141, Anm. 14.
zurück zum
Buch Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 - Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit"
Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Titel
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Untertitel
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Herausgeber
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 792
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99