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Brauch-Elemente #

Bild 'Elemente'

Bräuche lassen sich mit einer Sprache vergleichen. Sprache lebt und Bräuche leben. Es entstehen ständig neue Ausdrucksformen. Manches wird importiert, das eine kommt, das andere geht. Nicht alles gefällt allen. Einzelne, Familien, Gruppen, haben ihren eigenen Sprachschatz und ihr eigenes Brauch-Repertoire. Aus dem beschränkten Alphabet der Brauch-Elemente lassen sich ein umfassender Wortschatz und unendlich viele Sätze (Brauchhandlungen) zusammenstellen. Sie folgen einer bestimmten Grammatik und Logik. Der kommunikative Code ist von Eingeweihten entzifferbar und macht die Entzifferer zu Eingeweihten. Die Elemente sprechen alle fünf Sinne an. Feste für Leib und Seele finden sich in allen Kulturen und folgen einer bestimmten Dramaturgie.

Beispiele: #

  • Licht: Obwohl elektrisches Licht die Nacht zum Tag macht und den Lebens- und Arbeitsrhythmus grundlegend verändert hat, bleiben Feuer, Kerzen, Fackeln von herausragender Bedeutung bei weltlichen und kirchlichen Bräuchen. Feuer gehören zum festlichen Jahreslauf, vom Silvesterfeuerwerk über Ostern, die Sonnenwende bis zur Weihnachtszeit. Im Lebenslauf markieren Tauf-, Geburtstags-, Kommunion-, Hochzeits- und Sterbekerzen Knotenpunkte der Biographie. Kerzen zum Gedenken brennen auf Friedhöfen, an Unfallstellen, daheim bei Fotos, früher zu Weihnachten in den Fenstern. Beim "Lichtermeer" wurden sie zum Zeichen des Protestes.
  • Kleidung, Verkleidung, Masken: Kleidung ist Schmuck und Schutz. Sie zeigt Zugehörigkeit und macht Eindruck. Sie verbirgt oder verdeutlicht Gefühle. Sie kann in Hochstimmung versetzen oder demütigen. Von der Zeit Karls des Großen (747 - 814) bis zum Barock mussten sich die Untertanen an Kleiderordnungen halten. Bauern durften nur minderwertige, ungefärbte Stoffe verwenden. Umzüge in Uniformen oder Trachten stimulieren das kollektive Bewusstsein. Verkleiden verändert die Identität. Es macht den Reiz des Faschings und der Masken aus, in eine andere, bunte, Haut zu schlüpfen. Der Schutz der Maske suggeriert Stärke.
  • Musik, Geräusche: Vom deutschen Dichter und Komponisten E. T. A. Hoffmann (1776–1822) stammt das Zitat "Wo die Sprache aufhört, fängt die Musik an". Tafelmusik veredelte höfische Feste. Feiern und Ehrungen bedürfen der musikalischen Umrahmung. Musik gab bei der Arbeit, z.B. der Drescher, Fassbinder, Pilotenschläger den Takt an. Sie diente in den Spinnstuben zur Unterhaltung (weshalb sie anno 1572 in Nürnberg verboten wurde). Andererseits meinte Wilhelm Busch (1832 - 1908): "Musik wird oft nicht schön gefunden, weil sie stets mit Geräusch verbunden." Geräusche oder Lärm findet man bei vielen Bräuchen, wie Böllerschießen, Glockenläuten als lautstarkes Begrüßen eines neuen Jahres ... Freude spielt bei Lärmbräuchen ebenso eine Rolle wie Angst. Im 15. Jahrhundert gaben Stadtpfeifer und Turmbläser Warnsignale ab und akzentuierten den Ablauf von Festen. Der gute (passende) Ton hängt von der Festzeit ab (z.B. Karwoche - Ostern). Katzenmusiken waren seit dem 16. Jahrhundert als "außerhalb des Gesetzeskodex stehende Volksrechtspflege" (Rügebrauch) Ausdruck von Missfallen.
  • Symbole: Pflanzen (Bäume, Blumen, Stroh...), Lebensmittel (Salz, Brot, Wein, Brauchgebäcke,Wasser...), Symbolgestalten (Weinkönigin, Faschingsprinzenpaar...)
  • Dramaturgie: Ein Unterscheidungsmerkmal zum Alltag besteht darin, dass dieser eher unreflektiert gelebt wird und Feste durch inszenierte Gestaltung und bewusstes Mitfeiern gekennzeichnet sind. Beliebiges Aneinanderreihen von sinnlichen Effekten, Symbolen und Ritualen macht noch lange keinen Brauch. Nicht nur bei einzelnen Bräuchen, auch bei den großen Festkreisen wie Ostern oder Weihnachten, spielt die Dramaturgie eine wichtige Rolle: (1) Vorbereitung / Ouverture - (2) Höhepunkt - (3) Nachfreuzeit/Ausschwingen - (4) Ende. Wird das Nachspiel ignoriert, ist man irritiert.

Quellen:
Hans Gerhard Behringer: Die Heilkraft der Feste. München 1997
Helga Maria Wolf: Das neue BrauchBuch. Wien 2000. S. 26 f.

Bild: Brauch-Elemente Musik, Verkleidung, Umzug beim Dreikönigsritt in Neukirchen (Oberösterreich). Foto: Alfred Wolf, 1993