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Für eine umfassende Bildung der Menschheit#

Keiner prägte Universitätsgeschichte so wie Wilhelm von Humboldt. Zum 250. Geburtstag des Bildungstheoretikers und Sprachforschers. #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE (Donnerstag, 22. Juni 2017).

Von

Nikolaus Halmer


Wilhelm von Humboldt
Wilhelm von Humboldt
Foto: imago stock&people

„Was verlangt man von einer Nation, einem Zeitalter, von dem ganzen Menschengeschlecht, wenn man ihm seine Achtung und seine Bewunderung schenken soll? Man verlangt, dass Bildung, Weisheit und Tugend so mächtig und allgemein verbreitet als möglich unter ihm herrschen.“ Das Engagement für eine umfassende Bildung der Menschen war das zentrale Anliegen des Bildungstheoretikers, Sprachphilosophen und Diplomaten Wilhelm von Humboldt. Er hinterließ ein umfangreiches Werk, das wissenschaftliche Abhandlungen über die Sprache, Aufsätze zur Ästhetik, Literatur, Politik und Geschichte umfasst. Legendär war seine Sprachkenntnis. Neben den klassischen Sprachen beherrschte er fließend das Französische, Englische, Italienische, Baskische, Chinesische, Malaiische, süd- und mittelamerikanische Sprachen und Sanskrit. Die Grundlage seiner wissenschaftlichen Arbeit waren die Gedanken der Aufklärung. Im Vordergrund stand die Bildung der eigenen Person, die optimale Entfaltung des Individuums, das sich um die Verwirklichung eines humanistischen Ideals bemüht.

Die Kindheit: „freudlos dahinwelkend“ #

Geboren wurde Wilhelm von Humboldt am 22. Juni 1767 als Sohn einer vermögenden Adelsfamilie in Potsdam. Nach dem frühen Tod seines Vaters wurde er gemeinsam mit seinem zwei Jahre jüngeren Bruder Alexander von angesehenen Privatlehrern erzogen. Seine Kindheit im elterlichen Schloss Tegel in Berlin beschrieb Humboldt als „öde und freudlos dahinwelkend“; nur die Schriften der Antike eröffneten ihm einen freudvollen Zugang zur Welt. Im Alter von 20 Jahren begann Humboldt ein Studium der Rechtswissenschaften in Frankfurt an der Oder, das er nach einem Jahr in Göttingen fortsetzte und ergänzte. Er hörte Vorlesungen über Universalgeschichte, alte Sprachen und experimentelle Physik bei Georg Christoph Lichtenberg, der von ihm sagte: „Humboldt ist einer der besten Köpfe, die mir je vorgekommen sind.“ Im Selbststudium vertiefte er sich in die Schriften von Immanuel Kant, die ihm zeit seines Lebens als philosophische Orientierungshilfe dienten. Nach einem kurzen Zwischenspiel als Legationsrat im preußischen Staatsdienst heiratete er Caroline von Dacheröden und lebte als Privatgelehrter auf den Familiengütern seiner Frau in Thüringen. Danach übersiedelte er nach Jena, wo er in nähere Beziehung zu Friedrich Schiller und Johann Wolfgang von Goethe trat, die ihm große Sympathie entgegenbrachten. 1803 begann Humboldt seine Karriere als Diplomat, die ihn nach Rom und später nach Wien führte. Zwischen diesen Missionen übernahm er die Leitung der Sektion für Kultur und Unterricht im preußischen Innenministerium, die ihm die Möglichkeit gab, grundlegende Reformen des Erziehungssystems einzuleiten und 1809 die Universität in Berlin zu gründen, die heute seinen Namen trägt. Er wirkte auch als preußischer Bevollmächtigter im Bundestag in Frankfurt am Main und als Gesandter in London. Als Minister für ständische Angelegenheiten kehrte er 1819 nach Berlin zurück, wurde aber wegen seines Widerstandes gegen die Karlsbader Beschlüsse, die eine Überwachung der Universitäten vorsahen, 1819 aller Ämter enthoben. Humboldt zog sich auf Schloss Tegel zurück, wo er bis zu seinem Tod am 8. April 1835 intensive sprachwissenschaftliche Forschungen betrieb.

Humboldts Name wird heute vor allem im Zusammenhang mit seiner Reform des preußischen Bildungssystems genannt, die das Ziel hatte, den Menschen eine breit gefächerte Ausbildung zu ermöglichen, die sich an den humanistischen Idealen der klassischen Antike orientierte.

Am Beginn seiner Reform war Humboldt mit chaotischen Zuständen konfrontiert: Es gab keine Lehrpläne, keine standardisierte Lehrerausbildung; die existierenden Schulen hatten die Aufgabe, berufstaugliche Untertanen zu generieren, die nur in die Grundlagen ihres Faches eingeschult wurden. Dagegen erhob Humboldt in dem „Litauischen Schulplan“ die Forderung nach einer „allgemeinen Menschenbildung“, die bereits in der Elementarschule einsetzen sollte. Hier war das Ziel, die Schüler zu befähigen, Gedanken aufzunehmen, zu äußern und sie zu verstehen, sie schriftlich festzuhalten und sie zu entziffern. Die Elementarschule diente als Grundlage für den Schulunterricht, in dem sprachliche, geschichtliche und mathematische Kenntnisse erworben wurden, die für eine spätere wissenschaftliche Laufbahn unentbehrlich waren. Am Ende des Schulunterrichts sollte dann der Schüler im Stande sein, selbsttätig zu lernen, ohne Anleitung des Lehrers. Damit waren die Voraussetzungen für den Universitätsunterricht geschaffen; der Studierende war nunmehr aktiver Teilnehmer und nicht passiver Konsument von Vorlesungen, deren Inhalt er bei Prüfungen mechanisch reproduzierte. Ein solcher Unterricht ermöglichte es den Studierenden, „die Einheit der Wissenschaft zu begreifen und hervorzubringen und nimmt daher die schaffenden Kräfte in Anspruch.“

Unabhängigkeit der Wissenschaft #

Für Humboldt fällt dem Staat bei der Universitätsausbildung nur die Aufgabe zu, die notwendigen finanziellen Rahmenbedingungen zu schaffen und den Austausch unter den Universitäten zu fördern. Damit wird die Unabhängigkeit der Wissenschaft dem Zugriff privater Interessen entzogen und eine „zweckfreie“ Universität ermöglicht, in der politische und ökonomische Faktoren keine Rolle spielen. Das von Humboldt konzipierte Universitätsmodell hat wenig mit dem aktuellen Modell der Universitäten zu tun, das ein praxis- und wirtschaftsorientiertes Kurzstudium bevorzugt. „Sobald man aufhört, eigentlich Wissenschaft zu suchen, oder sich einbildet, sie brauche nicht aus der Tiefe des Geistes her geschaffen, sondern könne durch Sammeln extensiv aneinandergereiht werden“, schrieb Humboldt, „so ist alles unwiederbringlich und auf ewig verloren“.

Nach Humboldts Rückzug aus der preußischen Politik arbeitete er fast ausschließlich an der Erforschung der Sprache, die für ihn das entscheidende Medium der menschlichen Verständigung darstellte. „Denn was ist die Sprache anders als die Blüte, zu der alles in des Menschen körperlicher und geistiger Natur zusammenstrebt“, so schrieb er, „in der sich alles sonst Unbestimmte und Schwankende erst gestaltet“. Die Sprache ist für ihn das Medium, das zwischen der Objektivität der Welt und der Subjektivität des Menschen vermittelt. Sie verkörpert „das bildende Organ des Gedankens“, das sich nicht darin erschöpft, einen Mechanismus zu reproduzieren, der immer gleich bleibt, sondern ein sinnstiftender Organismus ist. Die Sprache ist kein „Ergon“, kein bloß funktionales Zeichensystem, das der bloßen Verständigung der Menschen dient, sondern „Energeia“, eine produktive, Welt erschließende Kraft. Diese kreative Kraft ist jedoch auf den Anderen angewiesen, denn nur im kommunikativen Sprechen wird die Sprache lebendig. Das sinnvolle Gespräch stellt die höchste Form des Sprachgebrauchs dar, der sich nicht durch Regeln bestimmen lässt. Die kommunikative Sprache, die als Wechselrede das gesellige Dasein der Menschen bestimmt, weist immer den Charakter des Ungefähren, des Mehrdeutigen auf. „Keiner denkt bei dem Wort das, was der Andere denkt“, notierte Humboldt, „und die noch so kleine Verschiedenheit zittert, wie ein Kreis im Wasser, durch die ganze Sprache fort“. Jedes vermeintliche Verstehen impliziert ein Nicht-Verstehen, „alle Übereinstimmung in Gedanken und Gefühlen ist zugleich ein Auseinandergehen“. Es ist dies eine Beobachtung, die sich in den Theorien der postmodernen Philosophen Jean-Francois Lyotard oder Jacques Derrida findet, die vom „Widerstreit“ und von der „Differenz“ innerhalb des Sprachgeschehens ausgehen.

DIE FURCHE, Donnerstag, 22. Juni 2017