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Laufmeterweise Intellekt#

"Reclams Universal Bibliothek" wird 150 Jahre alt. Wie eine Urheberrechtsänderung die Literatur demokratisierte.#


Von der Wiener Zeitung (Mittwoch, 6. September 2017) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Bernhard Baumgartner


Bild 'Reclam-Bibliothek'

Liebe und Hass liegen oft nahe beieinander. Im Bücherregal zum Beispiel. Während bei der ewigen Liebesgeschichte von "Romeo und Julia" geschmachtet wird, dass kein Taschentuch trocken bliebt, kann man gleich nebenan bei "Nora oder ein Puppenheim" in die Abgründe der Ehehölle starren. Gemein ist den beiden Stücken Weltliteratur, dass sie in dünne Heftchen passen, versehen mit dem typischen gelben Umschlag und idealerweise Gebrauchsspuren, die auf eine Konsumation der Literatur verweisen.

Denn ein Reclam-Heftchen um oft weniger als drei Euro kauft man sich nicht, um es sich stolz ins Regal zu stellen. Es ist nicht wie ein Hardcover mit schwerem Ledereinband und Goldprägung, das auf dem Kaminregal auf einen kühlen Herbstabend wartet, bis man es mit einem Glas Bordeaux genießt. Es ist auch nicht der Ausweis des Intellektuellen, den man stets in der Sakkotasche mitführt, wenn einen im Kaffeehaus die Lust auf Literatur befällt. Denn für das Gesehen-Werden muss es doch schon mindestens ein Suhrkamp-Bändchen sein!

Die Wahrheit ist oft profaner: Viele kaufen es, weil ihnen gar nichts anderes übrig bleibt. Weil der Text für Schule, Universität oder sonstige Bildungsmaßnahmen benötigt wird und es immer noch praktischer (und billiger) ist, das Heft zu kaufen als den Text selbst auszudrucken. Das ist sozusagen der pragmatische Zugang zu "Reclams Universal Bibliothek", deren erstes Heft - es war übrigens "Faust" von Goethe - heuer vor 150 Jahren erschien. 2017 weiß übrigens niemand mehr ganz genau, wie viele verschiedene Bände seit damals erschienen sind. Es müssen mehr als 10.000 verschiedene sein.

Wie so oft steht am Beginn einer Erfolgsgeschichte eine Gesetzesänderung. Am 9. November 1867 entschied die deutsche Bundesversammlung eine entscheidende Einschränkung des Urheberrechts: Werke wurden demnach 30 Jahre nach dem Tod des Verfassers gemeinfrei, konnten also ohne Tantiemen genutzt werden. Das war eine Initialzündung, wurden doch plötzlich Autoren, die vor 1837 verstorben waren - wie Goethe oder Schiller - für Verleger kostenfrei druckbar. Was folgte, war eine wahre Explosion an Nachdrucken, zuerst an deutschen Klassikern, dann auch der Antike oder Übersetzungen aus anderen Sprachen.

Dem chronisch aufmüpfigen Verleger Anton Philipp Reclam (1807-1896) kam das gerade recht. Er war in jungen Jahren ein Exponent des Vormärz gewesen und hatte aus Sicht der Obrigkeit allzu viel aufrührerische Literatur gedruckt, wofür er im Zuge der gescheiterten Unruhen von 1848 sogar ins Gefängnis geworfen wurde. Nun sah der Freimaurer eine Chance auf ein gutes Geschäft und eine Möglichkeit, seine schleppend gehende Druckerei auszulasten. Statt Pamphleten wurde jetzt Weltliteratur gedruckt. "Eine Sammlung von Einzelausgaben allgemein beliebter Werke, die in regelmäßiger Folge erscheinen sollen, wobei aber nicht daran gedacht ist, Werke, denen das Prädikat ,klassisch‘ nicht zukommt, die aber nichtsdestoweniger sich einer allgemeinen Beliebtheit erfreuen, aus der Sammlung auszuschließen" - so kompliziert und doch so einleuchtend beschrieb Reclam in einer zeitgenössischen Werbung seine "Universal Bibliothek", übrigens die älteste noch erscheinende Buchreihe der Welt.

Die Werke erschienen zu einem Preis von zwei Silbergroschen, später 20 Pfennig je Nummer, den der Verlag bis 1917 halten konnte. In der Universal-Bibliothek erschienen pro Jahr rund 140 Bände, neben deutschen Autoren auch europäische Literatur, antike und philosophische Werke, Gesetzestexte, musikalische Werke wie Libretti, Nachschlagewerke und Unterhaltungsliteratur. Von zahlreichen Bändchen gab es gebundene Versionen in unterschiedlichen Ausstattungen.

Das meistgedruckte Buch ist übrigens Schillers "Wilhelm Tell" mit 5,4 Millionen Exemplaren. Danach der "Faust" mit 4,9 Millionen vor Kellers "Kleider machen Leute" und Lessings "Nathan der Weise" mit jeweils 4,4 Millionen.

Das auffallend grelle Gelb, sozusagen das Markenzeichen der Reihe, gibt es übrigens erst seit 1970, davor waren die Hefte in einem unscheinbaren Braun- oder Creme-Ton gehalten. Innerhalb der Reihe gibt es auch andere Farben: Die fremdsprachigen Original-Texte sind in Rot, zweisprachige Ausgaben in Orange gebunden. Die Literaturführer sind blau, Erläuterungen, Interpretationen, Quellentexte grün und in Magenta sind Politik, Geschichte, Gesellschaft, Naturwissenschaft, Kunst, Musik und Religion gefasst.

Wer glaubt, zwischen den Deckeln der Reihe sind nur verstaubte Texte zu finden, wird bei einem Blick ins schier unüberschaubare Verlagsprogramm überrascht: So kann man etwa "Monty Python’s Flying Circus", "Fawlty Towers", Komödien von Woody Allen oder "Monsieur Ibrahim et les fleurs du Coran"im Original lesen. Auch Michel Houellebecq oder die Texte und Manifeste von Dada haben es bereits in den Bestand der heute etwa 3500 verschiedenen lieferbaren Titel geschafft: Von Augustinus bis Zen, von den klassischen Fernsehserien bis zum Horrorfilm, von den Vorsokratikern bis zu biblischen Texten aus Qumran - das Spektrum ist breit und die Fundstücke beim Stöbern im Online-Katalog mitunter überraschend. Zusammen mit der niedrigen Preishürde ergibt das für den Interessierten ein Biotop, das sich oft in meterlangen Schlangen im Bücherregal niederschlägt.

Natürlich war das immer auch ein Geschäftsmodell. Einen Verlag mit mehr als hundert Mitarbeitern muss von etwas leben. Jedoch muss man Reclam zugutehalten, dass er zu einer unglaublichen Demokratisierung von literarischen und wissenschaftlichen Texten beigetragen hat. Literatur in betont schlichter Form, dafür aber zu einem Bruchteil der sonst üblichen Kosten anzubieten, das hat gerade in Zeiten, als man noch nicht jeden Text auch gratis im Internet finden konnte, für ganze Generationen an Interessierten eine Welt geöffnet, die sonst verschlossen geblieben wäre. Nicht umsonst war es kein Geringerer als Thomas Mann - selbst Protagonist von heute immerhin 66 Reclam-Heften -, der die Laudatio zum 100-jährigen Bestehen des Verlages hielt.

Der Verlag überlebte die Nazi-Schergen, die alles Jüdische aus dem Programm entfernen ließen, und die Zweiteilung des Verlages in einen west- (Stuttgart) und einen ostdeutschen Zweig (Leipzig) nach dem Krieg. Daran, dass er auch das Internet und Google übersteht, arbeitet man heute in Ditzingen. Wie heißt es in Homers Odyssee? "Harre nur aus, mein Herz, schon Schlimmeres hast du erduldet!"

Wiener Zeitung, Mittwoch, 6. September 2017