Seite - 310 - in Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 - Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
Bild der Seite - 310 -
Text der Seite - 310 -
19.9.1989: Information Gesandter Nowotny
310
Dok. 57
tes Westeuropa sich jenen Einfluss zu sichern, den es heute alleine in der Welt
nicht länger ausüben kann. Frankreich verfolgt mit dieser Politik daneben eben
auch das Ziel, die „Westbindung“ der BRD so zu stärken, dass sie de facto unauf-
lösbar wird.
Es ist also sowohl unwahrscheinlich wie unerwünscht, dass die BRD aus der
NATO ausscheidet und neutral wird, um sich mit der DDR „vereinigen“ zu kön-
nen. Das wäre übrigens auch nicht im langfristigen Interesse des Warschauer Pak-
tes bzw. der UdSSR. Ein vereinigtes Westeuropa (auch unter Einschluss der BRD)
hätte sicher eine weitaus weniger ambitiöse „Ostpolitik“ als ein wiedervereinigtes
und neutrales Gesamtdeutschland.
Was wären nun die Folgen der wahrscheinlicheren Lösung, bei der das wieder-
vereinigte Deutschland eben nicht „neutral“ wird, sondern bei der BRD im westli-
chen Verteidigungsbündnis bleibt? Es würde sich dadurch sicher eine militärische
Verschiebung zu Lasten des Ostens ergeben. Aber diese Verschiebung ist weniger
weitgehend, als man zunächst vermuten wird.
Der Vorteil, den der Warschauer Pakt zur Zeit daraus zieht, dass ihm die DDR
angehört, ergibt sich vor allem im Lichte der jetzt
– noch
– herrschenden sowjeti-
schen Militärdoktrin. Diese fordert, dass im Falle eines Ost-West-Krieges die
Warschauer Pakt-Truppen möglichst rasch am [sic!] Atlantik vorrücken, um dort
das Eintreffen von Nachschub aus den USA zu verhindern. Der „Sporen“ der im
Süden der DDR in die BRD vorragt („Fulda-Gap“)16 würde einer solchen Offensive
als Sprungbrett dienen.
Es ist aber die Absicht und es ist auch wahrscheinlich, dass die Militär
doktrinen
geändert werden. Die herrschenden Doktrinen in West („deep strike“, FOFA)17
und in Ost („Vorwärtsverteidigung“) gehen davon aus, dass „Angriff die beste
Verteidigung“ ist. Diese offensive militärische Taktik steht aber im Gegensatz
zur grundsätzlich defensiven strategischen Zielsetzung der beiden Bündnisse. Sie
wollen lediglich den Status quo erhalten und streben keine Gebietsgewinne an.
16 Mit dem Begriff „Fulda-Gap“ oder „Fulda-Lücke“ bezeichneten die US-Streitkräfte ein Gebiet
um Geisa / Thüringen im Umland von Fulda in Osthessen an der Grenze zur Bundesrepublik.
Da der Warschauer Pakt hier am weitesten in den Westen reichte, ging die NATO davon aus,
dass von diesem Gebiet aus am wahrscheinlichsten ein Angriff erfolgt. Point Alpha war einer
von vier US-Beobachtungsstützpunkten an der innerdeutschen Grenze in Hessen. In direkter
Nachbarschaft zu Geisa hatte dieser Stützpunkt bis zum Fall des Eisernen Vorhangs Beobach-
tungsfunktion im NATO-Verteidigungskonzept. Östlich des Eisernen Vorhangs standen zwar
Wachtürme der DDR-Grenzorgane, aber keine Truppen des Warschauer Paktes direkt an der
Grenze, Klaus Hartwig Stoll, Point Alpha. Brennpunkt der Geschichte, Petersberg 2007; Mira
Keune / Volker Bausch, Vom heißen Ort im Kalten Krieg zum Lernort für Geschichte, Point
Alpha 2012; Dieter Krüger (Hg.), Schlachtfeld Fulda Gap – Strategien und Operationspläne
der Bündnisse, =
Schriftenreihe Point Alpha Band 2, Fulda, 2014.
17 FOFA = Follow on Forces Attack. Es handelt sich hierbei um ein militärisches Konzept der
NATO, das im Falle eines Angriffes der Streitkräfte des Warschauer Paktes die nachrückenden
Truppen zum Ziel macht.
zurück zum
Buch Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 - Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit"
Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Titel
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Untertitel
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Herausgeber
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 792
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99