Seite - 331 - in Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 - Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
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12.10.1989: Information Gesandter Sucharipa Dok. 62
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Die Veröffentlichungen der DDR-Medien in den letzten Monaten lassen den
Schluss zu, dass durch die frühzeitige Festlegung des Termins für den SED-Par-
teitag (Mai 1990)3 und die Eröffnung der Inhaltsdiskussion (die bisher in den
gewohnten Bahnen verlief) in erster Linie auf Zeitgewinn für eine reibungslose
Abwicklung der 40-Jahr-Feiern am 7.10.1989 gesetzt wurde. Dieses Kalkül ist nur
beschränkt aufgegangen.
Im Gefolge der ungarischen Entscheidung, ausreisewilligen DDR-Bürgern die
Weiterreise über Österreich in die BRD zu gestatten, bekam die Fluchtbewegung
eine starke Eigendynamik. Die illegale Ausreise von 50.000 Menschen innerhalb
von fünf Wochen brachte einen Erklärungsbedarf für die DDR-Führung, der
angesichts des Überwiegens junger, also in der DDR aufgewachsener Menschen,
einer Bankrotterklärung des Systems gleichkam.4
Das eindrucksvolle Auftreten einer wohl nur lose organisierten, aber einer
erneuerten DDR als eigenen Staat durchaus nicht negativ gegenüberstehenden,
reformorientierten Opposition in allen größeren Städten gepaart mit der demon-
strativen Anlehnung an das Beispiel Gorbatschow hat die Notwendigkeit der Auf-
gabe des Stehsatzes vom fehlendem Reformbedarf nachdrücklich unterstrichen.
Beide Phänomene (Fluchtbewegung und aktiveres Auftreten von Oppositions-
gruppen als vielfach erwartet) haben erstaunlich rasch zu wenigstens beschränk-
ter Dialogbereitschaft auf mittlerer Parteiebene geführt.
Derzeit kann noch nicht abgeschätzt werden, wie weit die Dialogbereitschaft
der SED-Führung selbst reichen wird. Es ist nicht auszuschließen, dass einige
einflussreiche Politbüromitglieder, die wenigstens ihre Machtpositionen erhal-
ten wollen, den Rücktritt Honeckers und eine flexiblere Handhabung der Reis-
möglichkeiten, allenfalls verbunden mit größerer Meinungsfreiheit, für ausrei-
chend halten. Das Beispiel anderer WP-Staaten (v. a. Ungarn, Aufstieg und Fall
von USAP-GS5 Károly Grósz)6 zeigt jedoch, das Teilreformen im politischen
Bereich relativ leicht „außer Kontrolle“ geraten können.
3 Der XII. Parteitag der SED wurde zunächst vom Mai 1991 auf 15. bis 19. Mai 1990 vorverlegt.
Nach dem Mauerfall wurde er auf Dezember 1989 vorverlegt. Siehe dazu Dok. 93 und 97.
4 Siehe dazu Doks. 50, 52–54, 57 und 60.
5 Generalsekretär der Ungarischen Sozialistischen Arbeiterpartei.
6 Károly Grósz wurde am 25. Juni 1987 zum Ministerpräsidenten der Volksrepublik Ungarn
ernannt. Am 22. Mai 1988 folgte er János Kádár auf den Posten des Generalsekretärs der
MSZMP nach. Der Vorsitz des Ministerrates ging am 24. November 1988 auf Miklós Németh
über. Damit waren die Ämter des Partei- und Regierungschef wieder formal getrennt. Németh
befürwortete einen gesellschaftlichen Wandel und wirtschaftliche Reformen. Ab November
1988 kamen immer mehr Stimmen innerhalb der MSZMP auf, die eine Umgestaltung zu
einem Mehrparteiensystem in Erwägung zogen. Auch Grósz erwog die Möglichkeit eines
neuen Parteisystems, dachte jedoch nur daran, „sozialistisch“ ausgerichtete Parteien zu le-
galisieren. Innerhalb der MSZMP formierte sich in weiterer Folge ein Reformflügel, der den
Übergang zu einem kompetitiven Mehrparteiensystem befürwortete. Die Entwicklung gip-
felte in der Entmachtung von Grósz und einer Reform des Sozialismus in Ungarn, vgl. Andreas
Schmidt-Schweizer, Politische Geschichte Ungarns von 1985 bis 2002. Von der liberalisierten
Einparteienherrschaft zur Demokratie in der Konsolidierungsphase, München 2007, S. 98–107.
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Buch Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 - Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit"
Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Titel
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Untertitel
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Herausgeber
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 792
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99