Seite - 343 - in Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 - Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
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9.11.1989: Bericht Botschafter Wunderbaldinger und Gesandter Graf Dok. 67
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Das künftige politische System des Sozialismus müsse demokratisch beschaf-
fen sein und neue Bürgerbewegungen, die auf dem Boden der Verfassung der DDR
wirken wollen, sollten zugelassen werden. (Ebenfalls am Mittwoch, dem 8. No-
vember 1989, wurden Bärbel Bohley, Jutta Seidel und Rechtsanwalt Gregor Gysi
im Ministerium des Innern empfangen. Im Verlauf des Gespräches wurde von
den beiden Frauen nochmals bekräftigt, dass das Wirken des „Neuen Forums“ auf
der Grundlage der Verfassung erfolgen wird. Daraufhin wurde die Anmeldung
vom Innenministerium bestätigt.)
Egon Krenz fuhr in seinem Referat weiters fort, dass die Wende noch lange
nicht vollzogen sei und dass man mit Widerstand gegen sie rechnen müsse. Man
brauche „eine realistische Zukunftsvision, einen Sozialismus, der in der Wirt-
schaft effektiv, im Sozialen gerecht, in der Politik demokratisch, im moralischen
Sinn sauber und in allem dem Menschen zugewandt ist“.
Auf wirtschaftlichem Gebiet werde eine marktorientierte sozialistische Plan-
wirtschaft angestrebt. Keine Wirtschaft toleriere ungestraft Subjektivismus, Vo-
luntarismus, Verschwendung und Verletzung volkswirtschaftlicher Gleichge-
wichtsbedingungen. Demokratischer Zentralismus darf nicht nur auf dem letzten
Wort betont werden. Bestrebungen einer gewissen Autokratie haben sich auf die
Dauer als Irrweg erwiesen, die DDR könne (wirtschaftlich) nur durch stärkere
Eingliederung in die internationale Arbeitsteilung bestehen, wobei die Erfahrun-
gen kleinerer Industrieländer von großem Nutzen sein dürften.
In einem dramatischen Appell hat sich die populäre Schriftstellerin Christa
Wolf im DDR-Fernsehen an Ausreisewillige gewandt. In der Erklärung,6 die
auch von Bärbel Bohley („Neues Forum“) sowie von den Schriftstellern Chri-
stoph Hein und Stefan Heym unterzeichnet und in der „aktuellen Kamera“ von
Frau Wolf verlesen wurde, wurden die Ausreisewilligen aufgefordert zu bleiben.
„Es kann kein leichtes, aber ein nützliches und interessantes Leben (in der DDR)
versprochen werden. Kein schneller Wohlstand, aber Mitwirkung an großen Ver-
änderungen.“ Man wolle einstehen für Demokratisierung, freie Wahlen, Rechts-
sicherheit, Freizügigkeit, es sei unübersehbar, dass jahrzehntealte Verkrustungen
in Wochen aufgebrochen wurden.
Am gestrigen Nachmittag haben sich vor dem Gebäude des ZK einige tau-
send Parteimitglieder der SED-Basis versammelt. Sie forderten mit mitgebrachten
Transparenten und in Sprechchören die Erneuerung der SED und die Demokrati-
sierung des Parteilebens. Ausgesprochen wurde, dass die derzeitige Zusammen-
setzung des ZK keine demokratische Legitimierung besitze. Daher wurde die
ehestmögliche Einberufung eines Sonderparteitages gefordert. Während ihrer
Demonstration wurde die Sitzung des ZKs unterbrochen. Günter Schabowski
sprach zu den Demonstranten und gab die Wahlergebnisse für die Politbüromit-
6 Die Schriftstellerin Christa Wolf wandte sich am 8. November 1989 in der DDR-Abendnach-
richtensendung „Aktuelle Kamera“ mit dem Aufruf, nicht auszureisen, sondern Vertrauen in
die DDR zu haben, an die Bevölkerung. Anlass dazu waren die nicht abreißenden Auswan-
derungsströme in den Westen.
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Buch Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 - Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit"
Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Titel
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Untertitel
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Herausgeber
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 792
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99