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9.11.1989: Bericht Botschafter Wunderbaldinger und Gesandter Graf
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Dok. 67
glieder bekannt. Hans Modrow, Werner Eberlein und Günter Schabowski erhiel-
ten bei Namensnennung lautstarke Zustimmung. Andere, darunter vor allem
Hans-Joachim Böhme, wurden lautstark ausgebuht. (Inzwischen wurde er von
der SED-Bezirksleitung Halle als erster Sekretär abgewählt.) Nach Günter Scha-
bowski sprach auch kurz Egon Krenz zu den versammelten Parteimitgliedern.
Ebenfalls als absolutes Novum in der DDR stellte sich Günter Schabowski am
Abend nach der ZK-Sitzung im internationalen Pressezentrum der nationalen
und internationalen Presse zu einer Pressekonferenz.7
Ebenfalls als Novum ist anzumerken, dass in einer Konferenzschaltung des
West-Fernsehens im Westen Genscher und der Vorsitzende der Thyssen AG8
mit dem in Ost-Berlin im Studio anwesenden Vorsitzenden der liberal-demokra-
tischen Partei, Manfred Gerlach, und Bärbel Bohley vom „Neuen Forum“ über die
Lage in der DDR diskutierten. Bärbel Bohley, die eher „hausfraulich“ wirkte, gab
über Befrager [sic!] des Moderators zu, dass das „Neue Forum“ kein Konzept für
die Weiterentwicklung der DDR besitzt.
Zu dem in Aussicht genommen neuen Wahlgesetz erklärte Egon Krenz, dass
es eine „freie, allgemeine, demokratische und geheime Wahl“ gewährleisten wird.
(Intern konnte in Erfahrung gebracht werden, dass die SED bei freien Wahlen mit
etwa 20 Prozent der Wählerstimmen rechnet. Bei einer Bevölkerung von etwa
16 Millionen hat die SED ca. 2,3 Millionen Parteimitglieder.)
Als Erbe der jahrzehntelangen Verkrustung trägt die Partei schwer an der
mangelnden demokratischen Legitimation. Das derzeit agierende Zentralkomi-
tee wird von der Basis als nicht demokratisch abgelehnt und eine Parteikonferenz
bzw. ein Sonderparteitag zum ehestmöglichen Zeitpunkt gefordert. Auf staatli-
cher Ebene stellt sich das Problem analog mit der Volkskammer, die zum Teil von
der Parteibasis, darüber hinaus vom Blockparteien, der einzelnen Bürgergruppen
und der Bevölkerung als nicht demokratisch gewählt abgelehnt wird. Manfred
Gerlach, der sich laufend in den Vordergrund spielte, sprach sich für allgemeine,
freie Wahlen im Jahr 1990 aus.
West-Berlin rüstet sich bereits auf hunderttausende Tagesbesucher aus dem
Osten noch vor Weihnachten. Eine Sperrung des Kurfürstendammes an Ein-
kaufssamstagen wird bereits in Erwägung gezogen.
In wenigen Wochen hat sich die DDR im begonnen Prozess der Offenheit, Um-
gestaltung und Erneuerung gegenüber dem großen Lehrmeister Sowjetunion auf
die Überholspur begeben. Die großteils disziplinierten und ohne Zwischenfälle
abgehenden Massendemonstrationen lassen für die nächste Zukunft auf ein labi-
les Gleichgewicht in der Krisensituation hoffen.
Wunderbaldinger / Graf
7 Zum Zeitpunkt der Berichterstattung waren der österreichischen Botschaft die Aussagen
Schabowskis und deren Wirkung hin zur unbeabsichtigten Öffnung der Mauer im weiteren
Verlauf des Abends offenbar noch nicht bekannt.
8 Dieter Spethmann, Vorstandsvorsitzender der Thyssen AG (1973–1991), siehe Personenregis-
ter mit Funktionsangaben.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Titel
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Untertitel
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Herausgeber
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 792
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99