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10.11.1989: Information und Sprachregelung Gesandter Plattner
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Dok. 69
3) Die Haltung der DDR23
Die Regierung der DDR betont
– nicht zuletzt im Zusammenhang mit der Staats-
bürgerschaft – unverändert die Existenz und völkerrechtliche Anerkennung
zweier deutscher Staaten.
Bemerkenswert erscheint, dass auch die Reformgruppen die selbstständige
Existenz der DDR bisher in keiner Weise in Frage gestellt haben: der Anspruch
auf Wiedervereinigung wird in Oppositionskreisen nicht erhoben.
4) Die Haltung der europäischen Staaten
Aus Erklärungen Gorbatschows (die derzeitige europäische Ordnung werde nicht
idealisiert, aber Anerkennung der Nachkriegsrealität hätten bislang Frieden am
Kontinent gesichert) und Außenminister Schewardnadses (Absage an revanchi-
stische Kräfte, die Nachkriegsrealitäten in Europa zu revidieren versuchten) ist
klar zu entnehmen, dass die Moskauer Führung nach wie vor am „Status quo
ante“ festhält und keine Änderung dieser Ordnung zulassen will.24
In den relevanten Teilen der von Gorbatschow und Kohl am 13.6.1989 un-
terzeichneten Gemeinsamen Erklärung25 werden Formulierungen verwendet,
die mit der Position der Sowjetunion durchaus vereinbar sind (zwar Recht auf
freie Systemwahl, aber Achtung der Integrität jedes Staates; Teilnahme von Ber-
lin (West) an der Entwicklung der Zusammenarbeit unter strikter Beachtung des
Viermächte-Abkommens aus 1971).26 Ein Umdenken Moskaus in der Berlin- oder
gar Deutschlandfrage ist somit nicht eingetroffen.27
erst eine frei gewählte gesamtdeutsche Regierung endgültig über die Ostgrenze entscheiden
könnte. Just im Sommer 1989 war rekurrierend auf den Rechtsstandpunkt eine Diskussion
über diese Frage ausgebrochen. Außenminister Genscher versicherte in seiner Rede vor der
UN-Vollversammlung in New York am 27. September 1989, an seinem polnischen Amts-
kollegen Krzysztof Skubiszewski gewandt: „Das polnische Volk […] soll wissen, daß sein
Recht, in sicheren Grenzen zu leben, von uns Deutschen weder jetzt noch in Zukunft durch
Gebietsansprüche in Frage gestellt wird.“ Auf den üblichen Verweis auf den Rechtsvorbehalt
verzichtete er. Einen Tag bevor Kohl zu seinem Besuch in Warschau aufbrach, verabschiedete
der Bundestag am 8. November eine Resolution, welche die Formulierung Genschers auf-
griff, diese aber mit dem „Friedensvertragsvorbehalt“ verknüpfte. Vgl. dazu Klaus Ziemer,
Zwischen Misstrauen und Hoffnung. Polen und die deutsche Vereinigung, in: Klaus-Diet-
mar Henke (Hg.), Revolution und Vereinigung 1989/90. Als in Deutschland die Realität die
Phantasie überholte, München 2009, S. 509–524, hier S. 510 und S. 514; Rede anlässlich der
44. Generalversammlung der Vereinten Nationen am 27. September 1989 in New York, in:
Hans-Dietrich Genscher, Zukunftsverantwortung. Reden, Berlin 1990, S. 79–93, für das wört-
liche Zitat 80; Deutscher Bundestag. Stenografischer Bericht 173. Sitzung, Bonn, 8. November
1989, S. 13058–13060.
23 Punkt 3) wurde erst in dieser Fassung ergänzt. Die daraus resultierenden weiteren Korrektu-
ren der Nummerierung werden nicht separat ausgewiesen.
24 Schewardnadse hatte Ende September in seiner Rede vor der UNO-Vollversammlung in New
York am 26. September 1989 vor dem „deutschen Revanchismus“ gewarnt. Vgl. Dok. 59, Anm. 19.
25 Siehe Dok. 41, Anm. 3.
26 Siehe Dok. 1, Anm. 15.
27 Dieser Absatz wurde erst in dieser Fassung ergänzt.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Titel
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Untertitel
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Herausgeber
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 792
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99