Seite - 353 - in Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 - Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
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10.11.1989: Information und Sprachregelung Gesandter Plattner Dok. 69
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Von den westeuropäischen Staaten sind in letzter Zeit nur aus Frankreich und
Belgien Stellungnahmen zur deutsch-deutschen Frage bekannt geworden. Prä-
sident Mitterrand stellte fest, dass die Wiedervereinigung der beiden deutschen
Staaten ein legitimes Anliegen des deutschen Volkes sei, dass diese Frage aber
auch die vier Siegermächte betreffe und dass der Stabilität in Europa der Vorrang
eingeräumt werden müsse.28 Außenminister Eyskens29 erklärte im belgischen Se-
nat, dass man für den Wiedervereinigungswunsch des deutschen Volkes Sympa-
thien empfinde, dass eine Lösung dieses Problems aber in die gesamteuro
päische
Entwicklung eingebunden sein müsse.30
Insgesamt ist festzustellen, dass die westeuropäischen Staaten die Opportuni-
tät einer deutschen Wiedervereinigung mit großer Reserve beurteilen.
Die USA stehen einer Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten deut-
lich positiver gegenüber.
Welche Lösungen für die deutsch-deutsche31 Frage gefunden werden (Weiter-
bestehen eines zweiten deutschen Staates jedoch mit demokratischen Strukturen,
föderale Lösung, Wiedervereinigung), ist nicht abzusehen. Das Thema der Wie-
28 So auch auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Helmut Kohl am 3. November 1989. Auf
eine entsprechende Journalistenfrage hatte Mitterrand geantwortet: „[…] Zu Ihrer Ausgangs-
frage: Ich habe keine Angst vor der Wiedervereinigung. Diese Art Frage stelle ich mir in dem
Maße nicht, wie die Geschichte voranschreitet. Die Geschichte ist da. Ich nehme sie, wie sie
ist. Ich denke, der Wunsch nach Wiedervereinigung seitens der Deutschen ist legitim. Wenn
sie die Wiedervereinigung wollen und wenn sie sie verwirklichen können. Frankreich wird
seine Politik so anpassen, daß sie zum Besten der Interessen Europas und Frankreichs selbst
handeln wird. Ich werde nicht noch einmal von vorne beginnen, ich sage nur: die Antwort ist
einfach. In dem Maße, wie Osteuropa sich entwickelt, muß Westeuropa stärker werden, seine
Strukturen stärken und seine Politik definieren.“ Nach einer Prognose gefragt, ergänzte er:
„Ich bzw. mein Leben beginnt jetzt, ernsthaft kürzer zu werden… Während es zur gleichen
Zeit länger wird… Ich bin also außerstande, eine Prognose abzugeben, aber bei dem Tempo,
mit dem die Dinge voranschreiten, würde es mich wundern, wenn die kommenden zehn
Jahre vorübergingen, ohne daß wir mit einer neuen Struktur Europas konfrontiert wären. Es
gibt Länder die bereits gewohnt sind – die einen seit Tausenden, die anderen seit Hunderten
von Jahren –, miteinander als Nachbarn zu leben, sich zu streiten, ausgewogene Beziehungen
herzustellen. Diese Gegebenheiten sind zu berücksichtigen, wenn über dieses Problem geredet
wird… Meine Prognose beruht auf einer offensichtlichen Feststellung: Es geht schnell, sehr
schnell. Es wird in der Folge nicht so schnell gehen, wie es jene wünschen, die bereits von
Wiedervereinigung sprechen. Aber kein verantwortlicher Politiker in Europa kann jetzt noch
Überlegungen anstellen, ohne diese Dinge mit einzubeziehen, das erscheint mir offenkundig.
Ich fälle keine genaue Prognose; die Wiedervereinigung wirft so viele Probleme auf, die ich in
dem Maße überdenken werde, wie die Fakten sich einstellen.“ Zitiert nach François Mitter-
rand, Über Deutschland, Frankfurt am Main / Leipzig 1996, S. 154–155.
29 Mark Eyskens, Außenminister Belgiens (1989–1992), siehe Personenregister mit Funktions-
angaben.
30 Direkt um den 9. November 1989 konnte keine derartige Äußerungen Eyskens im Senat aus-
findig gemacht werden. Am 9. November sprach er zu Kambodscha. Wir danken Steven Van
Hecke für diese Auskunft.
31 Korrigiert aus: innerdeutsche.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Titel
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Untertitel
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Herausgeber
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 792
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99