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14.11.1989: Bericht Botschafter Bauer und Gesandter Loibl Dok. 71
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Dok. 71: Bericht. Die Lage in der DDR aus Bonner Sicht, 14.11.1989
Botschafter Friedrich Bauer und Gesandter Wolfgang Loibl an BMAA, Bonn, 14. November 1989, ÖStA, AdR, BMAA,
II-Pol 1989, GZ. 22.17.01/14-II.1/891
BRD; Die Lage in der DDR (Info)
Unzahl widersprüchlichster Meinungen und Vorschläge aus allen politischen La-
gern der BRD zeigt Überraschung und Verwirrung über DDR-Ereignisse. Zu die-
sen, von Medien begierig aufgegriffenen Meldungen gehören u. a. Forderung nach
Einberufung einer 4-Mächte-Konferenz (ohne klare Zielsetzung), nach „Run-
dem Tisch“ in der BRD (dahinter rein innenpolitischer Wunsch nach Einfluss-
nahme auf Regierungspolitik gegenüber DDR), nach massiver Wirtschaftshilfe
für Ost-Berlin (mit oder ohne Einhebung eines „Notpfennigs“) bis hin zu Erin-
nerungen an 1952 vom Bundestag beschlossenen „Grundsatzentwurf für die freie
Wahl einer verfassungsgebenden deutschen Nationalversammlung“!2 usw. Von
DDR werden als Voraussetzung für BRD-Hilfe Reformen verlangt
– insbes. rasche
Durchführung von Wahlen (aber noch gibt es keine wahlkampffähigen neuen
Parteien!), Einführung der Marktwirtschaft (einige BRD-Wirtschaftsführer mei-
nen, die DDR in 5 bis 10 Jahren auf BRD-Stand bringen zu können, andere
– wohl
realistischere – rechnen mit längeren Zeiträumen: beide fragen sich weniger, ob
die DDR den „reichen Onkel“ begrüßen würde, der ihnen richtigen Weg zeigt,
und ob Planwirtschaft völlig verschwinden würde?!) und Demokratisierung in
jeglicher Form.
Nicht ausbleiben kann in dieser Lage die Erwartung baldiger Wiedervereini-
gung
– diesbezüglicher Wunsch der DDR-Bevölkerung wird von BRD-Befürwor-
tern als selbstverständlich vorausgesetzt. Aus österreichischen Erfahrungen 1938
könnte man freilich auch schließen, dass Vereinigung eines wirtschaftlich unter-
oder schlecht entwickelten Landes mit hochindustrialisiertem exportorientier-
tem Industriestaat durch Über- und Unterordnungsverhältnis politisch-psycho-
1 Der Bericht erging als Fernschreiben Nr. 25205 an das BMAA und war für die Sektionen II
und III, das Generalsekretariat und das Kabinett des Bundesministers bestimmt. Er wurde in
der Abteilung II.1 in Bearbeitung genommen. Legationsrat Marius Calligaris veranlasste am
15. November 1989 seine Weiterleitung an die österreichischen Auslandsvertretungen gemäß
Liste „Ost“ + „West“ (ohne ÖB Bonn, ÖB Berlin). Sämtliche Unterstreichungen wurden durch
Calligaris vorgenommen.
2 Das Jahr 1952 stand in der deutschen Nachkriegsgeschichte im Zeichen des Ringens um die
Lösung der deutschen Frage. Die sogenannte „Stalin-Note“ vom 10. März beinhaltete die Idee
eines bündnisfreien, vereinten und mit einer nationalen Armee ausgestatteten Deutschlands.
Die Westmächte forderten in ihrer Antwortnote die Abhaltung freier gesamtdeutscher Wah-
len unter internationaler Kontrolle, d. h. unter Überwachung der Durchführung durch die
UNO. In einer weiteren Note vom 9. April konzedierte Stalin die Möglichkeit freier Wahlen
allerdings unter Aufsicht der vier Mächte. Der Deutsche Bundestag hatte aber schon am 6. Fe-
bruar 1952 durch Billigung des Grundsatzentwurfs die Position des Westens vorweggenom-
men. Siehe dazu: Deutscher Bundestag – 189. Sitzung vom 6. Februar 1952.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Titel
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Untertitel
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Herausgeber
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 792
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99