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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 - Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
Seite - 363 -
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20.11.1989: Bericht Botschafter Schallenberg Dok. 73 363 bevorstehenden Epoche ohne das bisherige Gleichgewicht. Die Lage werde besser, aber schwierig sein. Eine Wiedervereinigung Deutschlands freut hier niemanden wirklich und man will sie in die ferne Zukunft verbannen. Paris unterscheidet zwischen dem zu bejahenden Prinzip einer auf Selbstbestimmung beruhenden Wiedervereini- gung und deren Realität. Man lässt weiters offen, in welcher Form eine Wiedervereinigung stattfin- den könnte: es müssen nicht unbedingt eine staatliche Wiedervereinigung sein, andere nicht näher bestimmte Formen werden als denkbar bezeichnet. Jeden- falls dürfte ein Zusammengehen der beiden deutschen Staaten nicht Frieden und Gleichgewicht gefährden. Die bestehenden Grenzen dürfen nicht angetastet wer- den. Die Allianzen und die Atomrüstung, wenn auch nur für die Supermächte auf niedrigem Niveau, werden weiter bestehen. Paris will die Bundesrepublik weiterhin durch die europäische Einigung und bilaterale Zusammenarbeit so fest als möglich einbinden, damit diese Bindung auch im Falle einer Wiedervereinigung unauflöslich bleibt. Das Misstrauen ge- genüber den Deutschen sitze bei aller Freundschaft noch tief und die Besorg- nisse vor der Hegemonie eines gemeinsamen mit Ostdeutschland noch stärkeren Deutschland sind spürbar. Die französische Politik benützt also die Vorgänge in Osteuropa als Argument für die Dringlichkeit eines weiteren Ausbaues der Zwölfergemeinschaft. Die obigen Überlegungen werden durch das soeben beendete Treffen der zwölf Staats- und Regierungschefs in Paris bestätigt.2 Die Sprachregelung gegenüber dem Beitrittswunsch Österreichs hat sich bisher nicht geändert. Europaministerin Cresson3 hat erst dieser Tage im Parlament wieder- holt: Priorität des Ausbaues der Gemeinschaft und Zweifel wegen der Neutralität.4 2 Am 18. November 1989 fand in Paris ein Sondertreffen der Staats- und Regierungschefs so- wie der Außenminister der EG-Staaten statt. Der „Sondergipfel“ diente dazu, sich über die jüngsten Entwicklungen der Lage Europas auszutauschen. Angesichts der politischen Umwäl- zungen in Osteuropa sollte die EG eine gemeinsame Haltung und Strategie entwickeln. Dabei ging es um Wirtschaftshilfen für Polen, Ungarn und die DDR. Während des gesamten Abend- essens sprach niemand das Thema der deutschen Einigung an, inklusive Kohl, der am Anfang eingehend über die Lage in der DDR und den anderen Ostblockstaaten referierte. Aufgrund drohender Versorgungsengpässe plädierte Kohl für rasche Wirtschaftshilfe und betonte die Westbindung der Bundesrepublik durch die Mitgliedschaft in der EG und der NATO, um den EG-Partnern die Sorge vor einem deutschen „Sonderweg“ zu nehmen. 3 Édith Cresson, Ministerin für Europäische Fragen (1988–1990), siehe Personenregister mit Funktionsangaben. 4 Cresson war in ihrer Funktion als Ministerin für Europäische Fragen für die Organisation der französischen Ratspräsidentschaft in der zweiten Jahreshälfte 1989 zuständig und nahm an den Verhandlungen zum Schengener Durchführungsübereinkommen teil. Aufgrund von europapolitischen Unstimmigkeiten mit Premierminister Michel Rocard trat sie im Oktober 1990 von ihrem Amt zurück. Gegenüber den österreichischen EG-Beitrittsambitionen ab dem 17. Juli 1989 hatte sie Vorbehalte aufgrund des Wunsches nach Beibehaltung der Neutralität, da sie diese mit Blick auf den Ausbau der Gemeinschaften für hinderlich hielt.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
Titel
Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Untertitel
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
Herausgeber
Michael Gehler
Maximilian Graf
Verlag
Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
Ort
Göttingen
Datum
2018
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-ND 4.0
ISBN
978-3-666-35587-5
Abmessungen
15.5 x 23.2 cm
Seiten
792
Kategorien
Geschichte Nach 1918

Inhaltsverzeichnis

  1. Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
  2. I. Vorbemerkungen 7
  3. II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
    1. 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
    2. 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
    3. 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
    4. 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
    5. 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
  4. III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
    1. 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
    2. 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
    3. 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
    4. 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
    5. 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
    6. 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
    7. 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
    8. 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
  5. IV. Editorische Vorbemerkungen 99
    1. Verzeichnis der Dokumente 103
    2. Dokumente 111
    3. Abkürzungsverzeichnis 723
    4. Literaturverzeichnis 731
    5. Personenregister 735
    6. Sachregister 773
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