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4.12.1989: Bericht Botschafter Wunderbaldinger und Gesandter Graf
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Dok. 87
das Zentralkomitee und das Politbüro der SED zurück.8 Ein Arbeitsausschuss,
der bis zum außerordentlichen Parteitag (15.–17. Dezember 1989)9 die Geschäfte
führen wird, erklärte, dass die Situation durch das Versagen der Parteiführung,
die von der Parteibasis zum Rücktritt gezwungen wurde, entstanden sei. Die-
sem Arbeitsausschuss gehören unter anderem an: Wolfgang Berghofer, Bürger-
meister von Dresden, der inzwischen bekannt gewordene Rechtsanwalt Gregor
Gysi, Klaus Höpcke, und der frühere Spionagechef der DDR Markus Wolf, dessen
„Sachkenntnisse“ jetzt wohl unersetzlich sein.
Der Arbeitsausschuss gründete einen Untersuchungsausschuss unter Leitung
von Gregor Gysi. Dieser hatte unter dem Eindruck der Flucht von Schalck-Golod-
kowski bestimmt, dass frühere Mitglieder der Parteispitze und ZK-Abteilungslei-
ter das ZK-Gebäude nur noch mit Zustimmung des Untersuchungsausschusses
betreten dürfen. Diese Maßnahme ist auch darauf zurückzuführen, dass bekannt
wurde, dass im früheren Ministerium für Staatssicherheit in letzter Zeit Un-
terlagen vernichtet wurden und angeblich Geldbeträge verschwunden sind. Si-
cherungsmaßnahmen im Büro und in der Wohnung von Schalck-Golodkow-
ski werden von der Volkspolizei gemeinsam mit Vertretern des neuen Forums
durchgeführt.
Bei der neuerlichen außerordentlichen Tagung des ZK am Sonntag (3. De-
zember)10 bekannte das ZK, dass die Untersuchung von kriminellen Handlungen
von Inkonsequenz und Halbherzigkeit geprägt war. 12 Mitglieder des ZK, dar-
unter auch Erich Honecker, Werner Krolikowski, Günter Kleiber, Erich Mielke,
Alexander Schalck-Golodkowski, Horst Sindermann, Willi Stoph, Harry Tisch
wurden aus den ZK und aus der SED ausgeschlossen.
Kreisdelegiertenkonferenz sprach am Wochenende von Verrat der alten Partei-
führung und dass Schluss sein müsse mit scheibchenweisen Enthüllungen dessen,
was gerade nachgewissen werden kann. Einer Spaltung der SED müsse entschie-
den entgegengetreten werden.
An diesem dramatischen Wochenende wurden weiters Günter Mittag, Harry
Tisch, Gerhard Müller und Hans Albrecht in Untersuchungshaft genommen.
Nach Staatssekretär Alexander Schalck-Golodkowski wird gefahndet.
Mit großer Erschütterung haben Mitglieder der Basis und Teile der Bevölke-
rung vernommen, dass in einem Warenhaus der Imes Gmbh11 große Mengen von
8 Dies geschah auf der 12. Tagung des ZK der SED am 3. Dezember 1989.
9 Siehe dazu Dok. 93 und 97.
10 Für das Protokoll der 12. Tagung des ZK der SED am 3. Dezember 1989 siehe: Das Ende der
SED, S. 461–481.
11 Die IMES GmbH („Internationale Meßtechnik“ Import-Export-GmbH, eine Tarnbezeich-
nung) war eine Firma des DDR-Außenhandelsministeriums die dem KoKo-Bereich unter-
stand, zudem eng mit dem MfS zusammenarbeitete und vor allem mit Waffen, Munition und
militärischem Gerät handelte. Das Hauptlager befand sich in Kavelstorf bei Rostock, von wo
aus die Waffen verschifft wurden. Hauptabnehmer waren Entwicklungs- und Schwellenlän-
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Buch Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 - Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit"
Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Titel
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Untertitel
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Herausgeber
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 792
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99