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6.12.1989: Bericht Botschafter Grubmayr und Gesandter Sajdik
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Dok. 89
zu lösen. Die Bundesrepublik gehe von der Notwendigkeit der Aufrechterhaltung
der Stabilität am Kontinent aus.
In seiner Pressekonferenz, in der er sich strikte geweigert hatte, näher auf die
sowjetische Haltung zur deutschen Frage einzugehen und nur davon sprach, dass
die sowjetischen Gesprächspartner ihm hiezu die ohnehin schon bekannte Posi-
tion dargelegt hätten, unterstrich er mehrmals, dass es „die Sache der Deutschen
der DDR sei, wie sie ihr Verhältnis zur BRD gestalten werden“. Nach seiner An-
sicht seinen sich beide deutschen Staaten der Verantwortung für die Stabilität von
ganz Europa bewusst. Es würde keinen nationalen Alleingang geben. Eine Wie-
dervereinigungslösung könne nur eingebettet in den Prozess einer europäischen
Einheit gesehen werden.
Genscher hob hervor, dass die Menschen der DDR selbst zu entscheiden haben,
wie sie ihre Freiheit nützen werden und er unterstrich deren Würde und die Weit-
sicht im Einfordern ihrer Freiheitsrechte, was im Bewusstsein für die Verantwor-
tung für die Stabilität in Europa erfolge.
In der TASS-Wiedergabe der Gesprächsinhalte fällt die Tatsache auf, dass der
Begriff „Wiedervereinigung“ nie verwendet wird.
[…]9
4) Wertung
Nach ho. Ansicht versetzte die Sowjetführung
– in der Person vom AM Scheward-
nadse, nicht jedoch durch Gorbatschow selbst – der „Wiedervereinigungseupho-
rie“ den erwarteten Dämpfer.10 Die SU scheint unter allen Umständen auf Zeit
spielen zu wollen. Der Wink mit dem Zaunpfahl, dass seitens der BRD „zusätz-
liche politische Impulse“ in sehr breit gefassten Wirtschaftsbereichen notwendig
sein werden, zeigt, welchen „Preis“ ein sowjetisches Einlenken langfristig haben
könnte.
Gleichzeitig scheint man sich des Risikos, dass die Entwicklungen in der DDR
einfach nicht mehr lenkbar sind, immer mehr bewusst zu werden. Die „Prawda“
von heute11 spricht von einer „äußerst kritischen Lage der SED, die es in ihrer
gesamten Geschichte nicht gegeben hat“, und die „Iswestija“ vom 5. d. M.12 be-
richtet von den Demonstrationen in Leipzig, an denen „eine große Gruppe von
Teil nehmern die Wiedervereinigung Deutschlands mit Transparenten ‚Ein ein-
heitliches Deutschland – unsere Heimat‘ gefordert hatte“. Dasselbe Blatt schreibt
auch über die Machinationen Schalck-Golodkowski, seinen Waffenhandel und
sein Devisenkonto in der Schweiz.13 Moskau scheint auch Egon Krenz aufgege-
ben zu haben. Er wird nur mehr als eine Begleitperson Modrows bei dessen Tref-
9 Ausgelassen wurden die Abschnitte „2) Bilaterale Aspekte“ und „3) KSZE-Prozess, KSE-Ab-
kommen“, die vor allem darauf verwiesen, dass hierüber separat berichtet würde.
10 Dieser Satz wurde im BMAA am Seitenrand handschriftlich markiert. Vermutlich war damit
der gesamte Absatz gemeint.
11 Der Artikel liegt dem Akt nicht bei.
12 Der Artikel liegt dem Akt nicht bei.
13 Siehe dazu Dok. 87.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Titel
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Untertitel
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Herausgeber
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 792
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99