Seite - 429 - in Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 - Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
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11.12.1989: Bericht Botschafter Wunderbaldinger und Gesandter Graf Dok. 94
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politischer Gruppierungen und Organisationen nahmen an dem Treffen teil. Mit
jeweils drei Teilnehmern waren die CDU, die Bauernpartei (DBD), die LDPD,3 die
NDPD4 und das Neue Forum vertreten. Zwei Vertreter entsandten die SED, Demo-
kratie jetzt, Demokratischer Aufbruch, Grüne Partei, Initiative für Frieden und
Menschenrechte, SPD und Vereinigte Linke. Durch eine Demonstration erzwang
dann noch der Gewerkschaftsbund (FDGB) und der neu gegründete unabhängige
Frauenbund die Entsendung ihrer zwei Vertreter an den Tisch.
Mit 22 Ja-Stimmen gegen 11 Enthaltungen sprachen sich die Teilnehmer für
eine Neuwahl der Volkskammer am 6. Mai 19905 aus. Zur Erstellung eines neuen
Wahlgesetzes und einer neuen Verfassung wurden gemeinsame Kommissionen
gebildet.6 Einig waren sich die Teilnehmer des Runden Tisches, dass die neue Ver-
fassung nach den Neuwahlen zur Volkskammer in einem Volksentscheid im Jahr
1990 bestätigt werden soll.7
Die am Runden Tisch vereinigten sieben Oppositionsgruppen forderten in
einer gemeinsamen Erklärung, dass die jetzige Regierung sich zu einer „geschäfts-
führenden Übergangsregierung“ erklären solle und nur unaufschiebbare Maß-
nahmen beschließen sollte.
Der Runde Tisch gab seine Sorge um das in eine Krise geratene Land, dessen
Eigenständigkeit und um seine dauerhafte Entwicklung Ausdruck. Zur Über-
windung der Krise (der DDR) wollen sich die Teilnehmer mit Vorschlägen an die
Öffentlichkeit wenden. Die Teilnehmer erklärten selbst, dass sie keine parlamen-
tarische oder Regierungsfunktion ausüben könnten. Sie fordern jedoch von bei-
den Gremien (Volkskammer und Regierung) rechtzeitig vor wichtigen rechts-,
wirtschafts-, und finanzpolitischen Entscheidungen informiert und einbezogen
zu werden.
3 LDPD = Liberal-Demokratische Partei Deutschlands.
4 NDPD = National-Demokratische Partei Deutschlands.
5 Der zunächst beabsichtigte Wahltermin für die Volkskammerwahlen am 6. Mai 1990 wurde
schließlich auf 18. März 1990 vorverlegt.
6 Es handelte sich um „Arbeitsgruppen“, nicht um Kommissionen. Folgende Arbeitsgruppen
waren festgelegt worden: Ausländerfragen bzw. Ausländerpolitik, Bildung, Erziehung, Ju-
gend, Frauenpolitik, (erweitert auf AG Geschlechtergleichstellung), Gesundheits- und So-
zialwesen, Medien bzw. Mediengesetzgebungskompetenz, Neue Verfassung, Ökologischer
Umbau, Parteien- und Vereinigungsgesetz, Prioritäten: Recht, Sicherheit bzw. Auflösung des
Amtes für Nationale Sicherheit der DDR, Sozialpolitik, Strafrecht, Wahlgesetz, Wirtschaft.
Je Arbeitsgruppe gab es zwei Einberufer (ständige Vertreter), verbunden mit der Pflicht, die
Anträge der Arbeitsgruppe am Zentralen Runden Tisch einzubringen. Auch in den Volks-
kammerausschüssen arbeiteten Mitglieder des Zentralen Runden Tisches mit. Die Einberufer
wurden paritätisch von einer „alten“ und „neuen“ Kraft gestellt.
7 Dazu kam es nicht mehr, da nach den Wahlen auch in der DDR die Weichen Richtung Einheit
gestellt waren. Zwar legte die Arbeitsgruppe „Neue Verfassung“ am 4. April einen Entwurf
vor, dieser wurde nach dem Ergebnis der Volkskammerwahlen vom 18. März 1990 aber nicht
mehr ernsthaft weiterdiskutiert.
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Buch Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 - Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit"
Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Titel
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Untertitel
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Herausgeber
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 792
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99