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20.12.1989: Gespräch Mock – Hurd Dok. 98
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Zur Thematik EG-EFTA verweist AM Hurd darauf, dass er am Treffen (19. De-
zember in Brüssel)6 nicht teilnehmen konnte und fragte nach den Eindrücken
des HBM.
AM Mock fasst kurz das Ergebnis der Tagung zusammen und unterstreicht,
dass jeder Fortschritt in Österreich positiv gesehen werde, da er eine Art „An-
zahlung“ auf den Vollbeitritt darstelle. Der Delors-Prozess7 wäre jedenfalls keine
Alternative für einen Beitritt, der insofern von grosser Bedeutung wäre, als da-
durch die österreichische Wirtschaft zu weiteren Liberalisierungen gezwungen
würde.
Betreffend Rumänien wird übereinstimmend die besorgniserregende schwere
Verletzung der Menschenrechte festgehalten, wobei jedoch die Dauer der Krise
offen sei. Von beiden Seiten erfolgten bilaterale Demarchen, Anrufung des KSZE-
Mechanismus sowie österreichischerseits erstmals Anrufung des Sicherheitsrates
gem. Art. 34 u. 35 der UNO-Charta.8
BM Mock betonte die Bedeutung der Menschenrechte für die österreichische
Aussenpolitik, weshalb Österreich alle legitimen Mittel ergreifen werde, um in
Rumänien politische Reformen herbeizuführen. AM Hurd beschränkte sich auf
teilweise Verlesung eines Fernschreibens über die jüngste Entwicklung, ohne Vor-
hersagen zu treffen.
6 Das EG-EFTA Außenministertreffen fand am 18./19. Dezember in Brüssel statt. Für die „Ge-
meinsame Erklärung der Außenminister von EG und EFTA zu ihrem Treffen in Brüssel“ siehe
Europa-Archiv 1990, D 60–D 61.
7 Die vom Europäischen Rat unter dem Vorsitz des EG-Kommissionspräsidenten Jacques De-
lors eingesetzte Expertengruppe veröffentlichte am 17. April 1989 den sogenannten „Delors-
Bericht“ der in drei Stufen die Verwirklichung der Wirtschafts- und Währungsunion (WWU)
skizzierte. Stufe 1 umfasste den Abbau sämtlicher Beschränkungen im Kapital- und Devisen-
verkehr; in Stufe 2 sollten neue Gemeinschaftsorgane (etwa ein Europäisches Zentralbanken-
system) aufgebaut werden; abschließend sah Stufe 3 die endgültige Verwirklichung der WWU
mittels fixer Wechselkurse vor. Vgl. Europa-Archiv 16/1988, D 445–446. Zum Delors-Bericht
siehe Europa-Archiv 10/1989, D 283–304.
8 Österreich hatte das Schicksal der Minderheiten in Rumänien bei der Generalversammlung
der Vereinten Nationen angesprochen. Zweimal wurde im Jahr 1990 der beim Wiener KSZE-
Folgetreffen geschaffene Mechanismus der Menschlichen Dimension gegenüber Rumänien
aktiviert; im Mai wegen des Dorfzerstörungsprogrammes und der Behandlung politisch An-
dersdenkender sowie im Dezember nach der blutigen Niederschlagung von Demonstrationen
in Temesvár / Timișoara. Vor dem Hintergrund der blutigen Revolution in Rumänien ent-
schied sich Österreich, nicht nur „alle KSZE-Teilnehmerstaaten mit den Menschenrechtsver-
letzungen des Bukarester Regimes“ zu befassen, sondern auch den UN-Sicherheitsrat anzuru-
fen, wie Bundeskanzler Franz Vranitzky und Außenminister Alois Mock am 20. Dezember
1989 bekanntgaben. Siehe: Die Presse, 21. Dezember 1989, S. 1–2. Weiters führte Österreich
am 28. Dezember nachdem die neue rumänische Führung die Macht übernommen hatte im
Namen von mehr als 40 Staaten eine Resolution ein, die zu dringender humanitärer Hilfe an
Rumänien aufrief und mit Konsens angenommen wurde. In der Einführungsrede wurden die
Menschenrechtsverletzungen unter Ceauceşcu verurteilt und die historische Wende begrüßt.
Siehe auch: Die Presse, 28. Dezember 1989.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Titel
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Untertitel
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Herausgeber
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 792
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99