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22.12.1989: Bericht Botschafter Bauer und Gesandter Loibl Dok. 102
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DDR-Bevölkerung Hoffnung auf „Licht am Ende des Tunnels“ gegeben werde. Da
wirtschaftliche Stabilisierung sehr lange dauern werde, müsste den Menschen we-
nigstens Gefühl vermittelt werden, dass es „weitergehen“ werde: eine psychologi-
sche Wende würde benötigt, andernfalls würde sich entweder Druck auf sofortige
Wiedervereinigung verstärken „in der Illusion, das wäre möglich und Probleme
würden damit schlagartig gelöst“, oder aber Bevölkerung würde Koffer packen
und „herüberkommen“. Beides könne lt. Gesprächspartner so nicht gehen. Man
müsse versuchen, dem entgegenzuwirken.6
BRD bewertet Änderungs- und Reformprozess in DDR als unumkehrbar
(Wahlen, Revidierung von Verfassung und Strafrecht, Bereitschaft zu ziemlich
weitgehenden Wirtschaftsreformen
– die nicht gleich greifen, aber immerhin auf
den Weg gebracht würden). BRD daher bereit, sich zu engagieren
– was allerdings
auf staatlicher Ebene nur beschränkt möglich sei. Wesentlicher Anstoß müsse
aus Privatbereich kommen, DDR-Wirtschaft müsse sich Privatinvestitionen öff-
nen: diesbezügliche DDR-Bereitschaft vorhanden, in verabredeten Expertentref-
fen Anfang Jänner 1990 würden BRD-Vertreter mit DDR über deren Gesetz be-
raten! (Investitionsschutz, Steuergesetzgebung und weitere Einzelheiten aus dem
Unternehmensbereich).
Während Besuches habe starke Bevölkerungsemotion (zum Teil beängstigend),
aber immer noch ganz disziplinierte Stimmung geherrscht.
BRD-Hilfsmaßnahmen sollen DDR stabilisieren und könnten damit Vereini-
gung im Wege stehen: auf diesbezügliche Frage meinte Gesprächspartner, Sta-
bilisierung führe beide Teile Deutschlands näher zueinander, per Saldo sei bis-
her mehr ein Zusammenwachsen herausgekommen, das werde auch in Zukunft
der Fall sein. Die politischen Voraussetzungen seien nun unumkehrbar auf dem
Weg. Notwendige wirtschaftliche Rahmenbedingungen für wirksame Investi-
tionen von außen würden noch eine Zeit lang dauern, doch sei DDR angesichts
großen eigenen Zeitdrucks um entsprechende Veränderung bemüht. Auch BRD-
Wirtschaft zum Einsatz von „Risikokapital“ bereit.
Gesprächspartner bewerte politische Gruppierungen in der DDR als sehr stark
intellektuell dominierte kleine Zellen und Debattiergruppen, die sich erst zu Par-
teien mit Basisverständnis entwickeln müssten. Modrow sei „als Politiker jetzt
da und der einzig wirklich potente Gesprächspartner“,7 als welchen ihm BK Kohl
ausdrücklich anerkannte. SED werde nach eigenen Schätzungen nur 20 Proz. er-
halten, frühere Blockparteien vermutlich auch nur je einige Prozent
– Gesprächs-
partner ließ offen, ob dies für Mehrheit reichen würde und rechnet mit weiterer
Unsicherheit und Instabilität in der DDR.8
Auf Frage nach „Vertragsgemeinschaft“ (einige BRD-Zeitungen sprechen von
Deutschland-Abkommen, Nachbarschaftsvertrag usw.) bezeichnete Gesprächs-
6 Die letzten beiden Sätze dieses Absatzes wurden am Seitenrand handschriftlich mit einem
Rufzeichen versehen.
7 Nebst Unterstreichung auch handschriftliche Markierung am Seitenrand.
8 Nebst Unterstreichung auch handschriftliche Markierung am Seitenrand.
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Buch Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 - Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit"
Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Titel
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Untertitel
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Herausgeber
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 792
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99