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9.1.1990: Abschlussbericht Botschafter Wunderbaldinger
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Dok. 105
UdSSR
Die bestehenden Bindungen sollen nicht nur erhalten sondern vertieft werden.
Die Sowjetunion ist nach wie vor der größte Handelspartner und wichtigster En-
ergielieferant. Auch mit den anderen sozialistischen Staaten, insbesondere mit der
ČSSR und Polen als unmittelbare Nachbarn, werden enge Beziehungen aufrecht-
erhalten und weiter ausgebaut.
Warschauer Pakt
Die DDR wird ihre Verpflichtungen aus dem WP einhalten und die Bestrebung,
seine politische Rolle für die Gewährleistung der Stabilität in Europa zu erhöhen,
unterstützen.
Nahostproblem
Die DDR tritt für eine friedliche und gerechte Lösung ein, die die Gewährleistung
des Selbstbestimmungsrechts des palästinensischen Volkes sowie die Existenz Is-
raels in gesicherten Grenzen einschließt. Sie bemüht sich um normale Beziehun-
gen zu allen Staaten dieser Region einschließlich Israel.
Beziehungen zu Österreich
Durch die Reform können nach Auffassung der DDR die Beziehungen zu Österreich
noch intensiviert werden. Insbesondere der Besuch des Herrn Bundeskanzlers am
24.11.198920 zeigte in diese Richtung und wurde allgemein als Signalwirkung ver-
standen. Großer Wert wird weiterhin auf wirtschaftliche Zusammenarbeit gelegt,
wobei auch Interesse an Kooperationsvorhaben mit Österreich vorhanden ist. Sei-
tens der DDR ist man bereit, die entsprechenden Wirtschaftsgesetze, wie Gewinn-
transfer und Investitionsschutzabkommen, in Angriff zu nehmen.
Da sich durch die Wende der Reiseverkehr enorm erhöht hat, besteht großes
Interesse am Abschluß eines Sichtvermerksabkommens.21 Ein derartiger Ent-
wurf soll der Botschaft schon in den nächsten Tagen überreicht werden, wobei
auf DDR-Seite daran gedacht wird, daß ein solches Abkommen anläßlich eines
Besuches von Ministerpräsident Modrow in Österreich unterzeichnet werden
könnte. Modrow hat an einem möglichst frühen Termin für diesen Besuch gro-
ßes Interesse.22
Allgemein ist zu sagen, daß Österreich große Sympathien genießt, nicht nur
beim Regime sondern auch bei der Bevölkerung, wovon man sich im alltäglichen
beruflichen und privaten Leben stets von neuem überzeugen kann. Dieses Anse-
hen Österreichs geht schon auf die Zeiten der Anerkennung der DDR zurück und
den seit dieser Zeit permanent geführten politischen Dialog auf allen Ebenen. So
notwendig die Beibehaltung der guten offiziellen Beziehungen zwischen Öster-
reich und der DDR auch ist, sollte dabei gerade jetzt nicht übersehen werden, daß
20 Siehe Dok. 78.
21 Ein diesbezügliches Abkommen wurde am 13. Februar 1990 geschlossen und trat mit 1. März
1990 in Kraft. Abkommen zwischen der Österreichischen Bundesregierung und der Regie-
rung der Deutschen Demokratischen Republik über die Aufhebung der Sichtvermerkspflicht,
BGBl. Nr. 111/1990. Siehe Dok. 110, Anm. 22. und Dok. 111.
22 Modrow absolvierte den Besuch bereits am 26. Jänner 1990. Siehe Dok. 110, 111 und 112.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Titel
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Untertitel
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Herausgeber
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 792
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99