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19.1.1990: Bericht Botschafter Binder und Gesandter Graf Dok. 107
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rungsarbeit konkrete Ergebnisse erwartet. Dem Besuch selbst misst die DDR ähn-
liche Signalwirkung bei, wie es HBK mit seinem Besuch in der DDR tat.11
Die Regierung Modrow kam nach Jahresbeginn kurzfristig unter den Druck
der Opposition, des „Runden Tisches“ und der Bevölkerung auf der Straße. Die
Trennung von Partei und Staat, der Rückzug der SED-PDS aus den Institutionen,
die Auflösung der alten „Sicherheitsstrukturen“ und zum Teil auch die begonne-
nen Wirtschaftsreformen gingen viel zu langsam. Unmut brachte auch das eher
„alte“ Vorgehen der Regierung, den „Runden Tisch“ meistens erst nach Fassung
von Regierungsbeschlüssen zu informieren. Diese Vorgangsweise wurde in der
Zwischenzeit weitgehend dahin verändert, dass Vorhaben der Regierung vor In-
kraftsetzen am „Runden Tisch“ diskutiert werden.
Durch Abgehen von der Absicht, anstelle des Amtes für Nationale Sicherheit
ein Amt für Verfassungsschutz zu gründen, sowie durch das überraschende Er-
scheinen Modrows beim „Runden Tisch“ am Montag konnte eine gewisse Stabili-
sierung des Dreiecks-Verhältnisses Regierung, „Runder Tisch“, Volkskammer er-
reicht werden. Die ehemaligen Blockparteien und andere Teilnehmer am „Runden
Tisch“ sind selbstverständlich bemüht, sich im Hinblick auf den Wahltermin am
6. Mai12 in der öffentlichen Übertragung der Gespräche am „Runden Tisch“ vor
den Wählern zu profilieren. Offen ausgesprochene und zum Teil (vom Generalse-
kretär der CDU Martin Kirchner) angedrohte Überlegungen, die Regierungsko-
alition zu verlassen, führten kurzfristig zu einer Destabilisierung. Am gestrigen
„Runden Tisch“ hat eine einstimmig angenommene Erklärung der Vertreter von
16 Parteien, politischen Gruppierungen und Organisationen, sich der Gewalt zu
enthalten, zur Beruhigung beigetragen. Darüber hinaus wurden in dieser 8. Sit-
zung des „Runden Tisches“ auch Loyalitätserklärungen zur Koali
tionsregierung
abgegeben. Der Geschäftsführer der SPD, Ibrahim Böhme, forderte die Parteien
der Koalitionsregierung auf, diese jetzt nicht zu verlassen und so kooperativ wie
möglich mit Hans Modrow zusammenzuarbeiten. CDU, DPD, LDPD und NDPD
bekräftigten ihre Bereitschaft zur Fortsetzung der Koalition. Der Vorsitzende der
CDU, Lothar de Maizière, bezeichnete die Ausführungen seines Generalsekretärs
Martin Kirchner als „ungedecktes, verfrühtes Vorpreschen“. Es ist zu erwarten,
dass die heutige Präsidiumssitzung der CDU für einen Verbleib in der Koalitions-
regierung votiert.
Am „Runden Tisch“ einigte man sich auch auf eine „Sicherheitspartnerschaft“
und lobte generell das Verhalten der Volkspolizei, die sich in den letzten Wochen
im Vergleich zur ehemaligen Staatssicherheit deutlich emanzipieren und in der
Bevölkerung einige Sympathien gewinnen konnte. Praktisch alle Teilnehmer am
11 So im Original. Vranitzky hatte am 24. November 1989 die DDR und West-Berlin besucht.
Siehe Dok. 78–79.
12 Der zunächst beabsichtigte Wahltermin für die Volkskammerwahlen am 6. Mai 1990 wurde
schließlich auf 18. März 1990 vorverlegt. Für die Wortprotokolle des „Runden Tisches“ siehe:
Uwe Thaysen (Hg.), Der Zentrale Runde Tisch der DDR. Wortprotokoll und Dokumente. Bde.
I–V, Wiesbaden 2000.
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Buch Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 - Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit"
Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Titel
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Untertitel
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Herausgeber
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 792
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99