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30.1.1990: Bericht Gesandter Sajdik
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Dok. 114
treffen.16 Der Besuch eines hochgestellten sowjet. Politikers in der DDR ist laut
Gorinowitsch für die kommenden Wochen nicht geplant.
6. Wertung
Sowjetischerseits scheint man erkannt zu haben, dass die „Zeit davonzulaufen
drohe“. Die Vereinigungstendenzen in der DDR werden Überhand nehmen und
die SU wird dies nolens volens zur Kenntnis nehmen müssen. Dabei wird Moskau
bemüht sein, so lange wie möglich die Eigenstaatlichkeit der DDR zu erhalten, sei
es sogar im Wege einer EG-Mitgliedschaft, die offensichtlich als kleineres Übel
angenommen wird (vgl. oz. ho. FS vom 29. d.M.).17 Die Sieben-Punkte-Forderun-
gen Schewardnadses, die er in seiner Rede vom 18. v.M. in Brüssel18 aufgestellt
hat, sind grundsätzlich der Eckstein der sowjet. Haltung zur Deutschen Frage,
doch scheint sich das Bewusstsein zu verbreiten, dass die Eigenentwicklungen
in der DDR ein unflexibles Festhalten an diesen Positionen ad absurdum führen
würden. Die UdSSR wird daher die 4-Mächte-Verantwortung für Deutschland
hervorkehren und hat im Augenblick offensichtlich auf offiz. Ebene kein Konzept,
wie diese mit dem Willen der Deutschen selbst zu vereinbaren ist.
Bezeichnend für die sowjet. Haltung ist eine von TASS wiedergegebene Gor-
batschow-Aussage gegenüber dem DDR-Fernsehen vor Beginn seines Gespräches
mit Modrow: „time itself is having an impact on the process and lends dynamism
to it. It is essential to act responsibly and not seek solution to this important issue
in the streets.“
Sajdik
16 Siehe Niederschrift über ein Gespräch von Gregor Gysi, Vorsitzender der SED / PDS, mit
Michael Gorbatschow, KPdSU-Generalsekretär und Vorsitzender des Obersten Sowjets der
UdSSR, am 2. Februar 1990 in Moskau (= Dokument 19), in: „Im Kreml brennt noch Licht“,
S. 134–159.
17 Sajdik berichtete: „Der Leiter der Hauptverwaltung für sozialistische Länder Europas des
sowjet. Außenministeriums, Gorinowitsch, erklärte heute gegenüber dem Gefertigten, dass
die SU nichts dagegen hätte, wenn die DDR als unabhängiger Staat der EG beitrete. […] Vor-
aussetzung hiebei ist, dass die DDR und die BRD unabhängige Staaten bleiben und die Ach-
tung der Selbstständigkeit einer unabhängigen DDR gegeben ist. Nach sowjet. Ansicht ist eine
gleichzeitige Mitgliedschaft der DDR in EG und RGW denkbar. Sowjet. Gesprächspartner bat
eindringlich um vertrauliche Behandlung seiner Stellungnahme.“ Fernschreiben Nr. 25041
vom 29. Jänner, ÖStA, AdR, BMAA, II-Pol 1990, GZ. 706.02/22–2.3/90.
18 Die Rede Schewardnadses vor dem Politischen Ausschuss des Europäischen Parlaments fand
am 19. Dezember 1989 statt, und stellte die bis zu diesem Zeitpunkt umfassendste Darle-
gung der sowjetischen Position zur europäischen Einigung dar. Sie ist abgedruckt in: Europa-
Archiv 45 (1990), D 127–D 136. Zur Einschätzung der Aussagen Schewardnadses siehe Vor-
lage des Ministerialdirigenten Hartmann an Bundeskanzler Kohl, Bonn, 20. Dezember 1989
(= Dokument Nr. 131), in: Deutsche Einheit, S. 676–679; Vorlage des Leiters des Planungs-
stabs, Citron, für Bundesminister Genscher, 20. Dezember 1989 (= Dokument 34), in: Die
Einheit, S. 186–190. Siehe auch die Einschätzungen des Schewardnadse-Vertrauten Stepanov-
Mamaladze, Historische Tage in Brüssel (= Dokument 95), in: Der Kreml und die „Wende“
1989, S. 603–610.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Titel
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Untertitel
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Herausgeber
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 792
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99