Seite - 505 - in Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 - Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
Bild der Seite - 505 -
Text der Seite - 505 -
9.2.1990: Bericht Gesandter Loibl Dok. 120
505
den „Abrüstern“ im AA (siehe Ber. 44-Res/90 vom 12.2.1990)6 und der Politischen
Abteilung.
Bis zum KSZE-Folgetreffen in Helsinki 19927 könnten lt. Gesprächspartner
verschiedene Schritte zum Aufgehen der Bündnisse in einer KSZE-Struktur ge-
macht werden: Der Sondergipfel wäre in diesem Zusammenhang bedeutsam, aber
auch periodische Treffen nicht nur der Außen-, sondern auch der Verteidigungs-
minister könnten hilfreich sein. Das Doktrin-Seminar in Wien8 wäre sehr er-
folgreich gewesen, alle Staaten strebten nun nach Defensivstrukturen und hätten
die Kriegsverhinderung zur Zielsetzung.
Auf die Frage nach der deutschen Einheit und der Bereitschaft von Staaten
wie Polen, Ungarn und ČSSR zum Verbleib im WP bis zur Überleitung des öst-
lichen Bündnisses in ein neues Sicherheitssystem meinte der Gesprächspartner,
die Führung dieser Staaten erkenne die Notwendigkeit des WP als Stabilitäts-
stütze; dennoch würde es schwierig, den Bevölkerungen einen WP-Verbleib nach
einem DDR-Austritt verständlich zu machen; eine solche Entwicklung habe auch
für die SU innenpolitische Sprengkraft (Baltikum, Kaukasus und Zentralasien).
Genscher hatte in einer programmatischen Rede am 31. Jänner 1989 verschie-
dene Institutionalisierungsideen zur Verstetigung des KSZE-Prozesses angeführt
(siehe Beilage, Seite 45 f).9
Diese Überlegungen seien im AA aber noch nicht ausdiskutiert. Washington
verlange jedenfalls ein „committment of Germany to NATO“, und halte ein neu-
trales Deutschland für undenkbar; eine Verbindung (?) zur NATO müsse bleiben.
Der Gesprächspartner konnte sich unter nachstehenden Voraussetzungen eine
Lösung vorstellen, der zufolge der bundesrepublikanische Teil Deutschlands in
der NATO verbliebe:
– Die militärische Komponente der NATO muss schrittweise in den Hintergrund
treten
– Die große Masse der in der BRD stationierten alliierten Truppen wird zurück-
gezogen
– Paralleler Beginn eines Rückzuges der sowjetischen Truppen aus der DDR.
– Keine Entmilitarisierung der DDR; in diesem Teil Deutschlands würden aber
nur geringfügigere Streitkräfte des deutschen Territorialheeres (nicht NATO-
unterstellt!) stationiert. Die Einwohner der heutigen DDR würden nicht von
der Wehrpflicht ausgenommen, die aber auf etwa 8 bis 10 Monate10 verkürzt
und möglicherweise auf bundesrepublikanischem Gebiet abgeleistet würde.11
6 Der Bericht konnte nicht aufgefunden werden.
7 Vom 24. März bis 8. Juli 1992 fand zwar das vierte KSZE-Folgetreffen in Helsinki statt, hier
dürfte jedoch die zu diesem Zeitpunkt noch nicht vereinbarte vom 19. bis 21. November 1990
stattfindende Pariser KSZE-Gipfelkonferenz gemeint sein.
8 Das Wiener Seminar über Militärdoktrinen im VVSBM-Rahmen fand vom 16. Jänner bis
5. Februar 1990 statt.
9 Die Rede Genschers liegt dem Bericht im Original bei. Siehe dazu bereits Dok. 116, Anm. 6.
10 Handschriftliche Unterstreichung im BMAA.
11 Handschriftliche Unterstreichung im BMAA.
zurück zum
Buch Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 - Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit"
Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Titel
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Untertitel
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Herausgeber
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 792
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99