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19.2.1990: Bericht Botschafter Wagner
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Dok. 127
sich aber auch im Hinblick darauf, dass die Oder-Neisse-Grenze auf Jalta15 (wo
Polen nicht vertreten war) und in Potsdam16 (wo nur das kommunistische Polen
vertreten war) festgelegt wurde, gedrängt fühlen, bei der bevorstehenden definiti-
ven Entscheidung Mitakteur zu sein. Mit dieser Haltung muss er sich auch gegen
manchen engen Mitarbeiter durchsetzen, wie ein Gespräch zeigt, mit dem er Lech
Wałęsa, der sich gegen eine Teilnahme an der Konferenz ausgesprochen hatte,
umstimmte. Auf internationaler Ebene, so Mazowiecki, habe er von den USA, der
UdSSR und Großbritannien Verständnis signalisiert erhalten, volle Unterstützung
habe ihm MP Modrow bei seinem Besuch am 16.2.17 zugesichert.
4.) Nicht überraschend war, dass Warschau sich von allem Anfang an gegen die
Neutralisierung des vereinigten Deutschland angesprochen hatte. Polen sieht im-
mer noch eine große Gefahr darin, dass ein aus der NATO (vollständig) ausge-
gliedertes Deutschland sich früher oder später mit der UdSSR verbünden könnte
und dass dies nur zulasten Polens gehen würde. Auch hier spielt die geschicht-
liche Erfahrung eine wichtige Rolle. Äußerungen von BK Kohl und AM Genscher
nach der „historischen Entscheidung“ in Moskau,18 dass nunmehr die Chance
zu einer langfristigen Partnerschaft zwischen UdSSR und einem wirtschaftlich
starken Deutschland gegeben sei, würden hier in Gesprächen in diese Richtung
interpretiert. Man möchte das vereinigte Deutschland in Bündnissen bzw. Orga-
nisationen eingebunden wissen. Die Genscher-Formel19 betreffend die Zukunft
15 Franklin D. Roosevelt (USA), Winston Churchill (Großbritannien) und Josef Stalin (UdSSR)
trafen vom 4. bis 11. Februar 1945 in Jalta auf der Krim zusammen. Es handelt sich um das
zweite Treffen bei denen die „großen Drei“ über die europäische und globale Nachkriegsord-
nung berieten.
16 Die Potsdamer Konferenz fand vom 17. Juli bis 2. August 1945 statt. Siehe auch Dok. 69,
Anm. 6–7. Für den Wortlaut des Kommuniqués vom 2. August 1945 („Potsdamer Abkom-
men“) vgl. Dokumente zur Deutschlandpolitik II/1, S. 2102–2148.
17 Hans Modrow absolvierte am 16. Februar 1990 einen Arbeitsbesuch in Polen. Im Mittel-
punkt der Gespräche standen die „Vereinigung der beiden Deutschlands, europäische Sicher-
heitsaspekte und im Besonderen die Frage der Westgrenze Polens“, wobei Ministerpräsident
Modrow der polnischen Seite zusicherte, dass der Görlitzer-Vertrag „für die DDR nach wie
vor bindend sei“ und die Vereinigung auf der Basis dieses Vertrages und des Vertrages von
Warschau erfolgen könne“. Unterstützung fand Mazowiecki bei Modrow auch hinsichtlich
seiner Forderung nach vollberechtigter Teilnahme Polens an den Gesprächen der 4+2 über die
deutsche Vereinigung. Siehe den Bericht „Besuch Ministerpräsident Modrows in Warschau
(16. Februar 1990)“ Botschafter Gerhard Wagner an BMAA, Warschau, 20. Februar 1990,
Zl. 57-Res/90, ÖStA, AdR, BMAA, II-Pol 1990, GZ. 43.18.02/1-II.3/90. Siehe zum Gespräch
zwischen Dr. Hans Modrow, und dem Vorsitzenden des Ministerrates der Republik Polen,
Tadeusz Mazowiecki in Warschau (Auszug), 16.2.1990 (=
Dokument 48), in: Die Außenpolitik
der DDR 1989/1990, S. 474–476.
18 Kohl und Gorbatschow waren am 10./11. Februar 1990 in Moskau zu Gesprächen zusammen-
gekommen. Siehe dazu bereits Dok. 119, Anm. 10 und 14.
19 Am 31. Januar 1990 hielt Genscher an der Evangelischen Akademie in Tutzing eine Rede, in
der er sich vor allem zu Fragen der Sicherheitsinteressen der Sowjetunion und einer zukünf-
tigen Bündniszugehörigkeit Deutschlands äußerte. Genscher erklärte, dass die Zugehörigkeit
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Buch Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 - Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit"
Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Titel
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Untertitel
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Herausgeber
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 792
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99