Seite - 545 - in Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 - Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
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23.–25.3.1990: Aktenvermerk Gesandter Prohaska Dok. 131
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HBM wies auch auf die Gefahr hin, in der Deutschen Frage nicht konsequent zu
sein: jahrzehntelang habe man die deutsche Einheit bzw. das Recht auf Einheit
mündlich unterstützt, jeder Vorbehalt der jetzt geäußert würde, hätte schwere
Konsequenzen vor allem bei einem Volk wie dem deutschen, einem Volk mit
„einer gebrochenen Geschichte“.
Eagleburger kam dann wieder darauf zurück, dass nach Auffassung einiger die
USA in Europa bleiben müsse, um die Deutschen „unter Kontrolle zu halten“
(„to tie them down“). Dies sei zwar eine sehr übertriebene Ansicht, doch könne
man, um einen Kissinger-Ausdruck zu verwenden, jedenfalls sagen: „even pa-
ranoids have some real enemies“.
Die Deutschen seien leider auch nicht sehr subtil in der Verfolgung ihrer Ziele:
in Ottawa hätte Genscher zu einer Frage von de Michelis über die Rolle Italiens
bei der Lösung der deutschen Frage gemeint: „You have no role to play“.19 Eine
gewisse Finesse sei jetzt aber sehr notwendig, um die Freunde und Anrainer
Deutschlands nicht zu verunsichern.
Eagleburger kam dann auf Polen zu sprechen, dem letzten Stop seiner Reise:
a) Unterschied Polen
– Ungarn:
– Polnische Politik erschiene konsequent und besser organisiert (beeindruckt
hat vor allem die „quality of the people“); Unsicherheit der politischen Situa-
tion in Ungarn (derzeitige Gesprächspartner werden voraussichtlich bald ab-
gelöst, was sich in einer Art Verbitterung der Gesprächspartner gezeigt habe);
– Problem der politischen nationalen Identität in Ungarn (Unterschiede der
politischen Konzepte des Demokratischen Forums und der Freien Demo-
kraten); in Polen: starke Identifikation der Bevölkerung mit Regierung,
während in Ungarn die ersten freien Wahlen noch bevorstehen und es Zeit
brauchen wird, bis die neue (Koalitions)regierung arbeitsfähig sein wird;
– Ungarn sei durch die Reduzierung der Beziehungen zur SU wirtschaftlich
in Mitleidenschaft gezogen.
b) In Polen wirke nicht nur die Erinnerung an 1939 nach, sondern auch die Vor-
stellung, dass die Grenze der EG an der Oder / Neisse zu liegen komme: der
Kontrast zwischen reich und arm wäre dann an der Haustür. Zur Zeit ist es so,
dass die wirtschaftlichen Frustrationen gut ertragen würden, sich allerdings in
einem Prozess des psychologischen Transfers auf politischem Gebiet äußern.
Deshalb auch die manische Beschäftigung mit der polnischen Westgrenze, die
mehr als 50malige Erwähnung von Jalta und Warschau und das Insistieren, am
„2+4“ Verhandlungsprozess teilnehmen zu wollen.
19 Zu Ottawa siehe Dok. 124. Genscher sagte wörtlich: „You are not part of the game“. Die Aus-
sage erscheint umso brisanter, da Genscher nach einem Fototermin erst gegen Ende der Sit-
zung in den Raum kam und es sich dabei um seine erste Wortmeldung gehandelt haben dürfte.
Vgl. dazu: NATO-Ministerratstagung in Ottawa, 13 Februar 1990 (= Dokument 50), in: Die
Einheit.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Titel
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Untertitel
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Herausgeber
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 792
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99