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27.2.1990: Aktenvermerk Botschafter Schmid
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Dok. 133
alles getan werden, um einen „Anschluss“ der DDR an die BRD nach Möglich-
keit zu vermeiden. Man verkenne nicht, dass sich auch in der DDR die Stimmen
mehren, die in einem raschen Anschluss die einzige Lösung sehen. Die DDR sei
jedoch keineswegs bankrott und bringe einiges in ein vereinigtes Deutschland ein.
Man plädiere daher für ein schrittweises Vorgehen, auch wenn der ursprüngliche
Modrow-Plan5 bereits von der Entwicklung überholt worden sei. Die Vereinigung
müsse jedenfalls in den gesamteuropäischen Einigungsprozess eingebettet sein.
Im Einzelnen werde vorgeschlagen:
– DDR und BRD sollten einen gemeinsamen Standpunkt für das 4+2-Treffen, das
spätestens im Sommer stattfinden werde, erarbeiten;
– Nachbarstaaten könnten nach DDR-Ansicht durchaus dazu eingeladen werden;
– parallel dazu Expertentreffen der 35 in Ost- und West-Berlin zur Vorbereitung
des KSZE-Gipfels;6
– Gipfel sollte noch 1990 in Wien stattfinden;7
– noch vor dem Gipfel sollten BRD und DDR gemeinsam eine völkerrechtlich
verbindliche Erklärung der Unantastbarkeit der Grenzen, vor allem der West-
grenze Polens, abgeben;
– BRD und DDR sollten beim Gipfel gemeinsam einen Entwurf für eine Erklä-
rung zur Deutschen Frage (Teil des Gipfelergebnisses) einbringen;
– Beschleunigung des Abrüstungsprozesses;
– Institutionalisierung des KSZE-Prozesses schon zwischen dem Gipfel in Wien
und Helsinki II8 (regelmäßige Gipfeltreffen, Konsultationsrat der Außenmini-
ster, ständiges KSZE-Sekretariat etc.).
Die Vorschläge sollten auch unterstreichen, dass die jetzige DDR-Führung über
den Wahltermin 18.3.1990 hinausdenke.
Der HSL II sagte eine sorgfältige Prüfung des Memorandums zu und wies auf
die wohl kaum zu bewältigenden Terminschwierigkeiten für „regelmäßige Gip-
feltreffen“ zwischen Wien9 und Helsinki II hin.
Wertung: Es handelt sich um eine Sammlung größtenteils bereits bekannter
Ideen, die den Auffassungen der Regierung Modrow hinsichtlich der Selbststän-
digkeit der DDR, der Einbindung aller KSZE-Staaten und der sicherheitspoliti-
5 Siehe Dok. 115–116.
6 Der Ausschuss zur Vorbereitung des KSZE-Gipfeltreffens tagte vom 10. Juli bis 16. November
1990 in Wien.
7 Der Gipfel fand in Paris statt. Siehe Anm. 8
8 Aus „Helsinki II“ wurde das KSZE-Treffen der Staats- und Regierungschefs vom 19. bis
21. November 1990 in Paris. Siehe auch Dok. 111, Anm. 6.
9 Am 15. Jänner 1989 war das dritte und letzte KSZE-Folgetreffen in Wien zu Ende gegangen,
das seit 4. November 1986 in Wien tagte.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Titel
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Untertitel
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Herausgeber
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 792
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99