Seite - 554 - in Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 - Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
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2.3.1990: Bericht Botschafter Grubmayr
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Dok. 134
sowjetischen Volk, vor allem in der mittleren und älteren Generation, eine psy-
chologische Barriere, wo es zu einer spontanen Auflehnung kommt, wenn auch
nur der Anschein erweckt wird, dass die unter schwersten Verlusten im 2. Welt-
krieg erreichte Niederkämpfung des deutschen Faschismus in Frage gestellt wer-
den soll.“ Mit einem Wort, man wagt es nicht, in den Augen der sowjetischen
Öffentlichkeit 45 Jahre nach Kriegsende sozusagen eine Niederlage gegen den
deutschen Revanchismus zu besiegeln. Die Gesprächspartner meines Mitredners
(darunter war auch u. a. eine Gruppe von hohen Offizieren der Sowjetarmee)
an-
erkannten durchaus die irrationalen Elemente dieser Situation, aber offenbar hat
hier noch niemand einen Stein des Weisen gefunden, wie man aus dem Dilemma
herauskommt. Als Ausweg versucht man Verzögerungstaktiken und beschwert
sich über die Westdeutschen, dass sie dabei nicht mitspielen. Mein Kollege gab
zu verstehen, dass man von amerikanischer Seite eine gewisse Zurückhaltung
übe und man bei der Reifung des sowjetischen Entscheidungsprozesses keinen
speziellen Druck ausüben wolle.
Mein westdeutscher Kollege wies darauf hin, dass der Druck für eine Beschleu-
nigung des Vereinigungsprozesses vor allem von der Basis der DDR ausginge und
vieles, was am Runden Tisch in Ostberlin, wo hauptsächlich „Studienräte und
Pastoren“ versammelt seien, diskutiert wird, Gespräche im luftleeren Raum dar-
stellen, über die die Wirklichkeit erbarmungslos hinwegrollt. Er gab allerdings zu,
dass die Bundestagswahlen im kommenden Winter ein zusätzliches Element für
die Anheizung des Wiedervereinigungseifers bilden.
Was die Formeln 2+4 oder 4+2 (vgl. erstzitierten og. Ber.4) betrifft, so stellte
mein Mitredner das sowjetische Verlangen nach 4+2 als eine Alternative dar, ge-
gen die man sich in Bonn schärfstens verwehren würde. Auch nur der Anschein,
dass die 4 Alliierten von sich aus in der deutschen Frage etwas „dekretieren“,
würde wieder nationalistische Gefühle in Deutschland anheizen. Man könne
die 4 Mächte natürlich nach der derzeitigen rechtlichen Situation nicht hindern,
z. B. im Kontrollratsgebäude in Berlin zu solchen Gesprächen zusammenzutreten.
Aber schon eine solche Veranstaltung im vorigen Herbst5 habe in der BRD eine
sehr heftige Kritik ausgelöst.
Außerdem seien ja die „2“ schon in dauerndem Kontakt und in Verhandlun-
gen, sodass die Realitäten an sich auf die Chronologie 2+4 hingerichtet sind. An-
dererseits habe man in Bonn durchaus Verständnis für die hiesigen Besorgnisse
und die innerpolitischen Reperkussionen. Bonn wünsche den Dialog mit der SU
und keine Konfrontation.
Was die Grenzfrage betreffe, so gebe es eine Reihe von komplizierten völker-
rechtlichen und staatsrechtlichen Problemen. Was das hier immer wieder be-
4 Siehe Dok. 130. Die Einigung auf 2+4 war bereits am 13. Februar in Ottawa erfolgt. Siehe dazu
Dok. 124.
5 Das Treffen hatte am 11. Dezember 1989 stattgefunden. Siehe dazu Dok. 95.
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Buch Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 - Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit"
Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Titel
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Untertitel
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Herausgeber
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 792
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99