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18.5.1990: Bericht Botschafter Binder
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Dok. 151
Bevölkerung, vor allem die Frauen sind nicht bereit, die wesentlich restriktiveren
Gesetze in der BRD zu akzeptieren.7
Wenn längere Zeit verschiedene Gesetze auf diesem Gebiet gelten, werde man
Vorkehrungen treffen müssen, um zu verhindern, dass die DDR zur „Abtrei-
bungsklinik“ wird.
Große Sorge bereitet dem Ministerpräsidenten die ökologische Situation in
weiten Gebieten der DDR, besonders bei Leipzig, Halle, Bitterfeld und Leuna, wo
im Laufe vieler Jahrzehnte schwere Schäden entstanden sind. Um relativ kurzfri-
stig zumindest etwas Abhilfe zu schaffen, besteht die Absicht, die Verwendung
von Braunkohle sehr einzuschränken. Die Größe des Problems ist etwa dadurch
zu ermessen, als z. B. in Bitterfeld der Ausstoß an gewissen Schadstoffen das
650-fache des Grenzwertes beträgt. Eingestellt wird ab sofort der Import von Ab-
fällen jeder Art, da die DDR nicht die „Müllhalde“ Europas sei.
Bezüglich der Sowjetunion sagte Herr De Maiziere, der vor drei Wochen in
Moskau war,8 dass es bezüglich der Vereinigung Deutschlands erhebliche Auffas-
sungsunterschiede zwischen Präsident Gorbatschow und den Militärs gebe. Dies
7 Die Frage des Schwangerschaftsabbruchs (§ 218 Grundgesetz) sorgte für Kontroversen. Eine
Neufassung dieses Artikels war in der Bundesrepublik mit den Stimmen von SPD und FDP
1976 verabschiedet worden und sah die Straffreiheit des Schwangerschaftsabbruchs unter be-
stimmten sozialen und medizinischen Voraussetzungen vor. Die DDR hatte 1972 eine weit
gefasste Fristenregelung eingeführt. Der Einigungsvertrag forderte eine einheitliche Praxis
bis 1992. Bis dahin galten in alten und neuen Bundesländern die jeweiligen Regelungen. Die
Neufassung durch das Schwangerschafts- und Familienhilfegesetz von 1992 sah eine Fristen-
regelung mit obligatorischer Konsultation vor. Es wurde auf Antrag Bayerns und der Mehr-
heit der CDU / CSU-Fraktion durch das Bundesverfassungsgericht teilweise für nichtig erklärt.
Das Gericht stellte fest, dass eine Abtreibung grundsätzlich rechtswidrig ist, dass sie bei einer
medizinischen Indikation gestattet ist und auch sonst straffrei bleibt, wenn sie binnen zwölf
Wochen vorgenommen wird und die Schwangere sich vorher hat beraten lassen. Ein rechts-
widriger Abbruch sollte nicht von der Krankenversicherung bezahlt werden. 1995 fasste der
Bundestag den § 218 in diesem Sinne neu.
8 DDR-Ministerpräsident de Maizière weilte von 28. bis 29. April 1990 in Begleitung von Außen-
minister Meckel, Abrüstungs- und Verteidigungsminister Eppelmann und Wirtschaftsminis-
ter Gerhard Pohl zu einem zweitägigen Arbeitsbesuch in Moskau im Rahmen dessen er zu
Gesprächen mit Gorbatschow und Ministerpräsident Ryschkow zusammentraf. Siehe dazu
Dokument 88, in: Michail Gorbatschow und die deutsche Frage; und Dokument 91, in: Die
Außenpolitik der DDR. Siehe auch Botschafter Herbert Grubmayr und Gesandter Martin
Sajdik an BMAA, Moskau, 2. Mai 1990, ÖStA, AdR, BMAA, II-Pol 1990, GZ. 43.18.04/1-
II.3/90. Botschafter Erich Binder hatte bei einem Empfang von Ministerpräsident de Maizière
erfahren, „dass die Gespräche mit der Kreml-Führung wesentlich härter waren als dies in der
Presse zum Ausdruck kam. Insbesondere hinsichtlich der NATO-Zugehörigkeit eines ver-
einten Deutschlands zeigte sich Gorbatschow sehr abweisend. Er erklärte klipp und klar, dass
dies für die Sowjetunion nicht akzeptabel sei, die diesbezüglichen Vorschläge seien nicht aus-
gewogen.“ Außenminister Markus Meckel hatte insbesondere die wirtschaftlichen Probleme
der Sowjetunion betont. Botschafter Binder an BMAA, 4. Mai 1990, ÖStA, AdR, BMAA,
II-Pol 1990, GZ. 22.17.01/125-II.3/90.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Titel
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Untertitel
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Herausgeber
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 792
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99