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18.5.1990: Bericht Botschafter Binder Dok. 151
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wirke sich auch auf die Außenpolitik aus und bilde einen Unsicherheitsfaktor.
Voraussagen auch für die nächste Zukunft traue er sich nicht zu machen.9
Sowohl den Ausführungen des Ministerpräsidenten als auch des Verteidigungs-
ministers10 (sh. FS 25079 vom 18 d.M.)11 ist klar zu entnehmen, dass die DDR nicht
bereit ist, einfach einen „Anschluss“ zu akzeptieren, sondern man bestrebt ist, als
echter Verhandlungspartner angesehen zu werden, der sich nicht einfach dem
Diktat Bonns beugt, wenn auch die wirtschaftlichen Verhältnisse äußerst schwie-
rig sind. Die nächsten Monate, das heißt die Zeit nach dem Inkrafttreten der
9 Der gesamte Absatz wurde am Seitenrand handschriftlich markiert.
10 Rainer Eppelmann, Minister für Abrüstung und Verteidigung im Kabinett Lothar de Mai-
zière (April – Oktober 1990), siehe Personenregister mit Funktionsangaben.
11 Eppelmann und Riegler waren am 17. Mai 1990 in Berlin zusammengetroffen. Botschafter
Binder berichtete: Eppelmann „ist einer der wenigen Reste der Bürgerbewegungen, die sich
aus der Zeit der Wende herübergerettet haben. […] Zu den 2+4-Gesprächen in Bonn meinte
er, dass die N[+]N-Staaten eine Art Vermittlerrolle spielen könnten, um bei der Überwindung
von Schwierigkeiten zwischen den westlichen Alliierten mit der UdSSR mitzuhelfen. Er schlug
vor, dass der österreichische Verteidigungsminister die Verteidigungsminister der sechs Staa-
ten und die sämtlicher Anrainerstaaten bis spätestens September zu diesem Zweck nach Wien
einladen sollte.“ Dazu notierte Legationssekretär Hans Peter Manz nachdem er sich über die
Basisinformation des Berichts echauffiert hatte: „Herr E. reist wohl gerne“. Nach Eppelmanns
Ansicht würde sich das Fehlen der Verteidigungsminister bei den 2+4-Gesprächen insbeson-
dere mit Blick auf die Sowjetunion negativ auswirken. Weiters hatte Eppelmann den Wunsch
geäußert, mit seinem österreichischen Amtskollegen in Kontakt zu kommen und zu diesem
Zweck nach Wien zu reisen. Binder führte aus: Eppelmann „habe bereits engere Verbindungen
mit der ČSFR, aber auch mit dem niederländischen Verteidigungsminister aufgenommen.
Letzterem gegenüber hat er angeregt, wie mit Polen und der ČSFR eine gemeinsame Einheit
–
Vorbild deutsch-französische Brigade – aufzustellen. Er stellte die Frage, ob man nicht auch
mit Österreich so etwas tun könne, wobei es sich nicht um eigentliche Militärs, sondern auch
um Musiker handeln könnte.“ Das Wort „Musiker“ handschriftlich umkreist notierte Manz
am Bericht: „jetzt reichts wohl! Vorschlag: Lipizzaner nicht vergessen“. Zu den für dieses Do-
kument relevanten Inhalten berichtete Binder: „Auf eine diesbezügliche Frage meinte er, dass
die deutsche Einheit in diesem Jahr ausgeschlossen sei. Er hoffe, dass gesamtdeutsche Wahlen
auch 1991 noch nicht stattfinden. Wenn die Vereinigung in etwa zwei Jahren kommt, habe die
DDR wesentlich günstigere Voraussetzungen, insbesondere die Möglichkeit, die Sowjetunion
in ein neues Europa einzubeziehen. Das Schicksal Gorbatschows könne uns allen aus eige-
nem Interesse nicht gleichgültig sein, abgesehen davon, dass wir Europäer ihm eine gewisse
Dankbarkeit schulden. Seine Position werde täglich schwächer, in der Sowjetunion wirft man
ihm vor, dass er die Gewinne des 2. Weltkriegs verspiele. Für die Sowjetbevölkerung breche
damit ein Weltbild zusammen. […] Bezüglich der europäischen Neutralen sagte er, dass es
mit der Schaffung eines neuen Sicherheitssystems in Europa keine Neutralen mehr zu geben
brauche. Sie wären dann überflüssig. Mit der Einführung der Währungs-, Wirtschafts- und
Sozialunion per 1. Juli d. J. hätten wir ‚den Dampf raus‘, dann sei der innenpolitische Druck
weg und damit der Zwang zur Eile. Um Weisung zu den Vorschlägen Herrn Eppelmanns wird
gebeten.“ Manz notierte dazu: „das wird wohl etwas Zeit haben“. Dennoch wurde der Bericht
dem Bundesminister für Landesverteidigung der Ordnung halber zur Kenntnis gebracht.
Botschafter Binder an BMAA, Berlin (Ost), 18. Mai 1990, ÖStA, AdR, BMAA, II-Pol 1990,
GZ. 22.03.00/8-II.3/90.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Titel
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Untertitel
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Herausgeber
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 792
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99