Seite - 621 - in Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 - Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
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22.5.1990: Bericht Botschafter Hoess Dok. 152
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anderen Allianztruppen sowie für den Verhandlungsbeginn über nukleare Kurz-
streckensysteme darstelle. (Zu diesem Zeitpunkt war die neuerliche starre Hal-
tung der SU in der Frage CFE gegenüber Baker in Moskau25 noch nicht bekannt.)
Man sei sich im Klaren darüber gewesen, dass diese Frage ein Haupttraktandum
des Gipfeltreffens darstelle. Die deutsche Seite sei insoferne optimistisch gewesen,
als sie großzügige wirtschaftliche Kooperation bzw. Verpflichtungen gegenüber
der Übernahme von DDR-Verpflichtungen gegenüber der SU anzubieten habe,
die Gorbatschow zum Einlenken bringen sollten, so meinte man. Es habe den
Anschein, als sei die deutsche Seite dabei eine Paketlösung aus all diesen Fragen
anzustreben, vermeinen amerik. Beobachter.
Manche amerikanische Gesprächspartner erwarten sich allerdings, wie bereits
mehrmals berichtet, vor dem sowjetischen Parteikongress anfangs Juli26 keine
Lockerung der Haltung Gorbatschows und daher keine Lösung des Fragenkom-
plexes beim Gipfelgespräch.27
Mitglieder der deutschen Delegation hatten sodann noch Aussprachen mit der
Führung beider Häuser des Kongresses, wobei vor allem AM Genscher erfolgreich
bemüht gewesen sein soll, gegen ihn wieder aufgekeimtes Misstrauen zu zerstreuen.
Eine Pressekonferenz Kohls beschloss seinen Aufenthalt. Dabei kündigte er
eine breitangelegte kulturelle Zusammenarbeit Europa-USA und insbesondere
eine umfassende Kulturkooperation Deutschland-USA an, gekrönt durch eine
deutsch-amerikanische Akademie der Wissenschaften.
Zur EG, die bei den Gesprächen im Hinblick auf die Stärkung der Kooperation
mit den USA behandelt wurde, meinte Kohl, es sei falsch, Europa mit EG-Europa
gleichzusetzen. Wien und Budapest gehörten ebenso zu Europa wie Zürich und
Stockholm. Die EG sei ein Kern, der wie ein Magnet wirke. Aufgabe der Zukunft
werde es sein, eine vernünftige Gruppierung des Kontinents zu finden. Er glaube
nicht, dass die Lösung im Beitritt aller europäischen Länder zur EG liege.
Präsident Mitterrand habe laut gedacht, wenn er von einer Konföderation rund
um die EG28 gesprochen habe. Diese, eine Idee unter anderen, sollte überlegt wer-
den, schloss Kohl.
Der BK wird kurz nach dem Gipfel erneut Washington besuchen29 und über
25 Außenminister Baker besuchte von 15. bis 19. Mai 1990 Moskau und verhandelte mit seinem
sowjetischen Amtskollegen Schewardnadse vorwiegend über Rüstungsthemen. Die Visite
diente zudem der Vorbereitung der Gipfelgespräche zwischen Gorbatschow und Bush in Wa-
shington (31. Mai bis 3. Juni 1990). Für das Gesprächsprotokoll Baker-Gorbatschow mit Dele-
gationen siehe Dokument 95, in: The Last Superpower Summits.
26 Der XXVIII. Parteitag der KPdSU fand vom 2. bis 13. Juli 1990 in Moskau statt.
27 Zu den Gipfelgesprächen vom 30. Mai bis 3. Juni 1990 zwischen Gorbatschow und Bush in
Washington bzw. Camp David siehe Dok. 152.
28 Mitterrand verkündete die Idee einer europäischen Konföderation in seiner Neujahrsanspra-
che am 31. Dezember 1989. Vgl. dazu bereits Dok. 113, Anm. 12.
29 Kohl besuchte vom 5. bis 8. Juni 1990 erneut Washington. Siehe dazu: Gespräch des Bundes-
kanzlers Kohl mit Präsident Bush, Washington, 8. Juni 1990 (= Dokument 305), in: Deutsche
Einheit, S. 1191–1199. Siehe zur österreichischen Wertung auch Dok. 154, Anm. 10.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Titel
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Untertitel
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Herausgeber
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 792
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99