Seite - 639 - in Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 - Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
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15.6.1990: Bericht Gesandter Loibl Dok. 156
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1991 ankündigte! ČSFR werde lt. Teltschik folgen, DDR sei bereits verloren). Sogar
Nordkorea öffne sich nun gegenüber Südkorea (und USA).
– Furcht vor Ausgrenzung aus Europa: Moskau teile diese Befürchtung übri-
gens mit Washington, das EG-Protektionismus befürchte und nun Vorteile der
KSZE-Verflechtung mit Europa zu erkennen beginnen (wobei AA-Vertreter inter-
essanterweise an starke Zukunftsmöglichkeit von Korb 216 glaubte ?!). Genscher
wolle mit atlantischer Deklaration17 usw. US-Sorgen dämpfen.
Daher Moskau besonders an künftigen Beziehungen zu Deutschland und wirt-
schaftlicher Zusammenarbeit (Hilfe) mit dem Westen interessiert.
SU lt. AA-Vertreter sichtlich um Anknüpfung an – deutscherseits schon fast
vergessene – Zusammenarbeitstradition mit Deutschland bemüht. Hiefür biete
deutsch-sowjetische Erklärung vom 13.6.198918 langfristige Grundlage.
Lt. Teltschik wachse Moskaus Bewusstsein über mögliche Vorteile aus deut-
scher Einheit: z. B. sowjetische Rohstofflieferungen an DDR künftig für DM und
zu Weltmarktpreisen usw., was auch im Eigeninteresse der rohstoffverarbeiten-
den DDR-Betriebe liege. DDR ist größter Handels- und Kooperationspartner der
SU, BRD größter Handelspartner im Westen. Nun fast wöchentliche Treffen Gen-
schers mit Schewardnadse (erneut 18.6. in Münster)19 verlief in sehr guten, per-
sönlichen vertrauensvollen Umständen.
Bonn wolle (und könne) wirtschaftliche Zusammenarbeit mit SU allerdings
nicht alleine leisten. Während Moskau bis vor kurzem keine Notwendigkeit west-
licher Hilfe sah, sei diesbezügliches Drängen unterdessen deutlich. BK werde
deshalb Teltschik zufolge den Staats- und Regierungschefs von EG20 und Welt-
16 In der Schlussakte von Helsinki (1. August 1975) wurden die unterschiedlichen Arbeitsfelder
in sogenannte „Körbe“ unterteilt. Korb 2 beinhaltete die Grundsätze der „Zusammenarbeit in
den Bereichen der Wirtschaft, der Wissenschaft und der Technik sowie der Umwelt“.
17 Damit dürften Genschers seit seinem USA-Besuch (siehe Dok. 143) im April konsequent auf
den Fortbestand der NATO ausgerichteten Aussagen gemeint sein, die seinem diesbezüg-
lichen Konflikt mit Kohl (siehe Dok. 140, Anm. 12) und dem amerikanischen Misstrauen in
dieser Hinsicht entgegenwirkten. Genscher lehnte auch eine Entkoppelung der inneren und
äußeren Aspekte der Einheit ab. Siehe dazu Dok. 149 und 150, Dok. 152, Anm. 14. In einer Re-
gierungserklärung Genschers vom 10. Mai 1990 hatte dieser der Entkoppelung eine eindeutige
Absage erteilt. Am selben Tag hatte er unter Hinweis auf die bevorstehenden Veränderungen
in der NATO (siehe dazu Dok. 159) gegenüber der Zeitschrift Der Spiegel geäußert, dass er eine
sowjetische Zustimmung zur NATO-Mitgliedschaft Deutschlands erwarte.
18 Siehe dazu Dok. 41, Anm. 3.
19 Das Treffen in Münster war das achte Treffen der beiden Außenminister in diesem Jahr und
folgte nur acht Tage auf das Treffen in der belorussischen Stadt Brest (11. Juni 1990). Vgl. dazu
Vermerk des Dg 21, Höynck, vom 19. Juni 1990 über das Gespräch von Bundesaußenminister
Genscher mit dem sowjetischen Außenminister Ševardnadze am 18. Juni 1990 in Münster
(= Dokument 37); sowie Aufzeichnung des Dolmetschers Scheel vom 21. Juni 1990 über das
Vier-Augen-Gespräch von Bundesaußenminister Genscher mit dem sowjetischen Außen-
minister Ševardnadze am 18. Juni 1990 in Münster (= Dokument 38), in: Diplomatie für die
deutsche Einheit, S. 194–214.
20 Der Europäische Rat tagte am 25./26. Juni 1990 in Dublin.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Titel
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Untertitel
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Herausgeber
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 792
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99