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Im Zweifelsfall für das Pestizid #

Das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat ist zur Ikone einer verirrten Lebensmittelindustrie geworden. Zum aktuellen politischen Streit ist nun ein Buch erschienen. #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE (Donnerstag, 19. Oktober 2017).

Von

Teresa Freudenthaler


Glyphosat
Was darf Chemie? Glyphosat ist ein seit Jahrzehnten eingesetzter Stoff, der auch der Gentechnik den Weg in die Lebensmittelindustrie eröffnete und damit Monsanto zu einem der erfolgreichsten Konzerne weltweit machte. Die Skepsis der Bürger stieg mit dem Erfolg. Foto: imago/epd / Steffen Schellhorn

Ein korruptes Unternehmen, das, von Profi tgier getrieben, Studien fälscht, giftige Chemikalien als unbedenklich klassifi ziert und jahrelang sämtlichen Klagen durch noch mehr Korruption geschickt ausweicht. Das sind eigentlich gute Voraussetzungen für einen Film Noir der modernen Wirtschaftswelt.

Noch interessanter wird der Plot allerdings, wenn es sich um die Wirklichkeit handelt und nicht um Fiktion. Tatsächlich muss man so die Erkenntnisse und Behauptungen zusammenfassen, die der Vorarlberger Biochemiker Helmut Burtscher-Schaden zusammengetragen hat. Es geht um einen Stoff, mit dem die Österreicher tagtäglich umgingen: das berüchtigte Glyphosat.

Seit Anfang Oktober steht fest: Österreich wird auf EU-Ebene gegen die Zulassungsverlängerung des berühmt-berüchtigten Pestizids Glyphosat stimmen. Seit Jahren ist unklar, ob Glyphosat tatsächlich krebserregend ist. Umweltminister Andrä Rupprechter (ÖVP) ist aufgrund der Parlamentsabstimmung daran gebunden, sich in Brüssel für ein Verbot von Glyphosat auszusprechen. Auch die SPÖ fordert ein Totalverbot der Chemikalie.

Das gebräuchlichste Pestizid #

Doch der Reihe nach: Bei Glyphosat handelt es sich um das am häufi gsten eingesetzte Pestizid weltweit. Der Unkrautvernichter wurde in den 1970er-Jahren vom Riesenkonzern Monsanto unter dem Namen „Roundup“ auf den Markt gebracht.

Zunächst wurde die Chemikalie verwendet, um Felder vor der neuen Aussaat von sämtlichem Unkraut zu befreien. In den 1980er- Jahren wurde es zur Abtötung von erntereifem Getreide benutzt, um so die Trocknungszeit zu beschleunigen und den Erntezeitpunkt steuern zu können. In den 1990ern gelang es Monsanto, Pfl anzen gentechnisch gegen Glyphosat resistent zu machen. So konnte das glyphosathaltige Pestizid Roundup auch nach der Aussaat und während des Pfl anzenwachstums eingesetzt werden. Glyphosat hat allerdings schon seit Langem einige Kritiker, wie Autor Burtscher-Schaden, der hauptberufl ich bei der Umweltorganisation Global2000 arbeitet, schildert: 1983 fand in Chicago ein Prozess gegen das ehemals größte private US-Prüfi nstitut für Industriechemikalien, IBT-Laboratories, statt. Dessen Mitarbeiter hatten jahrelang Untersuchungsberichte gefälscht und gefährliche Chemikalien für den Markt freigegeben. Während des Prozesses geriet vor allem der Monsanto-Bakterienkiller TCC ins Kreuzfeuer der Kritik. 2016 wurde TCC verboten. In Folge des IBT-Skandals galten allerdings auch die Glyphosat-Krebsstudien als möglicherweise unbrauchbar und mussten wiederholt werden.

Und hier beginnen sich die Ungereimtheiten zu häufen: William Dykstra, jener Toxikologe der USEnvironmental Protection Agency (EPA), der die beiden Krebsstudien zuvor für unbrauchbar erklärt hatte, „übersah“ in seinen folgenden Untersuchungen auffällige Tumorbefunde bei den Versuchstieren. Er stufte Glyphosat als nicht krebserregend ein. Ein kanadischer Kollege bemerkte jedoch die Signifi kanz der bösartigen Schilddrüsentumore bei den weiblichen Versuchsmäusen. Die EPA befand sich nun in einem Dilemma. Doch ein Monsanto-Toxikologe schaffte Abhilfe: Er schlug vor, die bösartigen Tumore mit den gutartigen zu addieren, sodass sich die Signifi - kanz der Schilddrüsenkarzinome einfach in Luft aufl öste.

Roundup-Proteste gegen Glyphosat
Roundup-Proteste. NGOs versuchen seit Jahren, gegen Glyphosat mobil zu machen, hier in einer Aktion von Greenpeace. Die Europäische Union folgt den Protesten nur widerstrebendFoto: APA / Greenpeace / Armin Rudelstorfer

Die EPA stimmte dieser Argumentation zu, um ihren Ruf zu wahren. William Dykstra forschte unterdes jedoch weiter und kam zu dem Ergebnis, dass Glyphosat zu extrem seltenen Nierentumoren führen kann. Er teilte seine Beobachtung den Behörden mit. Zunächst wurde Glyphosat als wahrscheinlich krebserregend eingestuft, 1988 plötzlich als „nicht klassifi ziert“.

Auffällige Tumorbefunde #

1991 war Monsantos zweite Rattenstudie fertig. Erneut zeigten sich auffällige Tumorbefunde. Trotzdem wurde Glyphosat nun gänzlich rehabilitiert: Ein achtzehnköpfi ges Peer-Review-Committee der EPA sah in der Studie den Beweis für Glyphosats „Nicht-Karzinogenität“. Nur drei Wissenschaftler verweigerten ihre Unterschrift. Glyphosat wurde schließlich wieder ohne Bedenken verkauft und als Unkrautvernichter eingesetzt. 2012 produzierten bereits 90 Chemieunternehmen in 20 Ländern rund 720.000 Tonnen des als ungefährlich geltenden Pes tizids.

In den Fokus der Medien rückte Glyphosat im Jahr 2015. Die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) der World Health Organisation bewertete fünf Pestizide, darunter auch Glyphosat. Das Pestizid wurde von der IARC als wahrscheinlich krebserregend für den Menschen eingestuft. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) musste schließlich zugeben, dass es auf die Befunde Monsantos vertraut hatte, ohne die se nochmals zu überprüfen.

Sieben Krebsbefunde waren dabei „übersehen“ worden. Das BfR gab im April 2015 an, dass die Tumore der Mäuse behandlungsbedingt sein könnten, allerdings auf die Anwendung „extrem hoher Dosen von Glyphosat zurückzuführen“ wären. Für Menschen sei dies daher nicht relevant. Das Bundesinstitut für Risikobewertung empfahl der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA), Glyphosat als nicht krebserregend einzustufen. Und zum Schrecken vieler Glyphosat-Kritiker kam die EFSA dieser Empfehlung nach. Andere europäische Behörden unterstützten diese Entscheidung.

Internationaler Widerstand #

Zwei Wochen nach der EFSAEntscheidung taten sich 96 international anerkannte Toxikologen, Krebsforscher, Epidemiologen und Statistiker zusammen und schrieben einen offenen Brief an den zuständigen EU-Kommissar Vytenis Andriukaitis, dem in den Medien viel Aufmerksamkeit geschenkt wurde.

Es kam immer mehr Kritik an Monsantos Pestizid auf, Bürgerinitiativen gegen Glyphosat setzten sich dafür ein, dass das Pes tizid innerhalb der EU verboten werden solle. Dann ließen einige Länder verkünden, dass sie gegen die Verwendung von Glyphosat seien. Die Abstimmung der EU-Staaten musste verschoben werden, da es der Kommission nicht gelungen war, die Mehrheit der Länder für eine Verlängerung der Zulassung von Glyphosat zu überzeugen.

Burtscher-Schaden sagt im Gespräch mit der FURCHE, dass er auf eine Änderung des Systems hoffe. „Es geht nicht nur um Glyphosat, sondern generell um gefährliche Wirkstoffe“, so der Biochemiker. „Es darf nicht möglich sein, dass bei den Zulassungsverfahren so viele Hürden umschifft werden können.“ Die „Smoking Gun an der Sache“, der eindeutige Beweis für die Machenschaften der Konzerne, ist ihm zufolge der Copy-Paste-Plagiatsskandal des BfR: Die Behörde hatte falsche Angaben aus dem Zulassungsantrag von Monsanto Wort für Wort kopiert.

Buchcver: Die Akte Glyphosat

Die Akte Glyphosat. Wie Konzerne die Schwächen des Systems nutzen.

Von H. Burtscher-Schaden,

Kremayr & Scheriau,

Sept. 2017. 256 S., Hardcover, €22,00

DIE FURCHE, Donnerstag, 19. Oktober 2017