Page - 71 - in Wien und die jüdische Erfahrung 1900-1938 - Akkulturation - Antisemitismus - Zionismus
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Gabriele Anderl
Generationenkonflikte
Die zionistische Auswanderung aus Österreich nach Palästina
in der Zwischenkriegszeit
Trotz der Bedeutung Wiens für die Entstehungsgeschichte des Zionismus wurde die-
ser in Österreich erst durch die „Balfour-Deklaration“ von 1917 zu einer politisch
bedeutsamen Größe. Damals hatte der britische Außenminister versprochen, in Hin-
kunft den Aufbau einer jüdisch-nationalen Heimstätte in Palästina zu fördern. Der
„Zionistische Landesverband für Österreich“ konstituierte sich im Jahr 1920, und der
„Jüdische Nationalfonds“ („Keren Kajemet“) sowie der „Palästina-Gründungsfonds“
(„Keren Hajessod“) errichteten Zweigstellen in Wien.
In der Zwischenkriegszeit entwickelte sich der Zionismus zu einer auch für das
österreichische Judentum politisch bedeutsamen Größe. 1932 eroberten zionistische
Fraktionen innerhalb der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde (ikg) die relative
Mehrheitsposition und brachen damit die langjährige Dominanz der auf Assimilation
ausgerichteten „Union österreichischer Juden“. Doch ungeachtet dieser Tatsache blieb
die Hinwendung zu Palästina bei den meisten Zionistinnen und Zionisten bis zum „An-
schluss“ bloß theoretischer Natur. Wien war in der Zeit zwischen den beiden Weltkrie-
gen vor allem eine Transitstation für Jüdinnen und Juden aus Osteuropa auf dem Weg
nach Palästina und weniger Ausgangspunkt für die Auswanderung Einheimischer.
Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs war Palästina aufgrund eines Völkerbundman-
dates unter britische Verwaltung gestellt worden. Es war noch in der Zwischenkriegszeit
ein orientalisch geprägtes, von politischen Unruhen geschütteltes Land mit einer erst im
Aufbau befindlichen Infrastruktur. Die „Alija“, wie die Einwanderung nach Palästina in
der zionistischen Terminologie genannt wird, war in der damaligen Zeit mit dem Verlust
des gewohnten Lebensstandards und vielen Beschwernissen verknüpft. Der „Jischuw“,
die bereits im Land ansässige jüdische Gemeinschaft, brachte wenig Verständnis für die
Nöte der Einwanderer auf, da die frühen Immigrantinnen und Immigranten bei ihrer
Ankunft mit noch viel größeren Schwierigkeiten konfrontiert gewesen waren. Vielfach
hatten sie sich gleichsam aus dem Nichts, mit ihrer eigenen Hände Arbeit, die Grund-
lagen einer neuen Existenz geschaffen. Die wenigsten Neueinwanderer aus Mitteleuropa
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Wien und die jüdische Erfahrung 1900-1938
Akkulturation - Antisemitismus - Zionismus
- Title
- Wien und die jüdische Erfahrung 1900-1938
- Subtitle
- Akkulturation - Antisemitismus - Zionismus
- Author
- Frank Stern
- Editor
- Barabara Eichinger
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2009
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78317-6
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 558
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
Table of contents
- Vorwort XI
- Einleitung. Wien und die jüdische Erfahrung 1900–1938 XII
- Was nicht im Baedeker steht Juden und andere Österreicher im Wien der Zwischenkriegszeit 1
- Jüdische Lebenserinnerungen. Rekonstruktionen von jüdischer Kindheit und Jugend im Wien der Zwischenkriegszeit 17
- Antisemitismus 1900–1938. Phasen, Wahrnehmung und Akkulturationseffekte 39
- „Hinaus mit den Juden !“ Von Graffiti und der Zeitung bis zur Leinwand 59
- Generationenkonflikte. Die zionistische Auswanderung aus Österreich nach Palästina in der Zwischenkriegszeit 71
- Die Stimme und Wahrheit der Jüdischen Welt Jüdisches Pressewesen in Wien 1918–1938 99
- Die israelitischen Humanitätsvereine B’nai B’rith für Österreich in der Zwischenkriegszeit und ihr Verhältnis zur „jüdischen“ Freimaurerei 115
- Tempel, Bethäuser und Rabbiner 131
- Die Geschichte der Ausbildung von Rabbinern in Wien seit dem 19. Jahrhundert 143
- Martin Bubers Weg zum Chassidismus 155
- Die jiddische Kultur im Wien der Zwischenkriegszeit und ihre Positionierungen in Bezug auf Akkulturation, Diasporanationalismus und Zionismus 175
- „Wenn Dich drückt der Judenschuh“. Blicke in die moderate Wiener Moderne 197
- Karl Kraus and Gustav Mahler Imagine the „Jews“ 217
- Antisemitisch-misogyne Repräsentationen und die Krise der Geschlechtsidentität im Fin de Siècle 229
- „Being different where being different was definitely not good“ Identitätskonstruktionen jüdischer Frauen in Wien 257
- „Jeder Sieg der Frauen muss ein Sieg der Freiheit sein, oder er ist keiner“ Jüdische Feministinnen in der Wiener bürgerlichen Frauenbewegung und in internationalen Frauenbewegungsorganisationen 277
- Gender and Identity. Jewish University Women in Vienna 297
- From White Terror to Red Vienna : Hungarian Jewish Students in Interwar Austria 307
- Feuilletons und Film. Béla Balázs – ein Dichter auf Abwegen 325
- Die Zukunft und das Ende einer Illusion – Sigmund Freud und der Erfolg der Psychoanalyse in den Zwanziger- und Dreißigerjahren 343
- David Vogel : Love Story in Vienna or the Metropolis 355
- Arthur Schnitzler. Facetten einer jüdisch-österreichisch-deutschen Identität 369
- Mit einem ›e‹. Zwischen Diaspora und Assimilation Ein Streit unter Freunden : Joseph Roth und Soma Morgenstern 385
- Jüdisches Leben im Wiener Fin de Siècle. Performanz als methodischer Ansatz zur Erforschung jüdischer Geschichte 399
- Felix Salten. Zionismus als literarisches Projekt 419
- „Schund“, „Jargon“ und schöner Schein Jüdische Erfahrung/en im jüdischen Theater 427
- Imago und Vergessen. Wienbilder und ihre unsichtbaren Urheber 439
- Frau Breier aus Gaya meets The Jazz singer Zwischen Bühne und Leinwand, Wien und New York 463
- Österreichische Filmmusik in Hollywood – eine Annäherung 483
- Personenregister 491
- Sachregister 503
- Biografien 519