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kommentierte, Hymnen auf Friedrich
II. zitierte und Maria Theresias Recht auf
den Thron infrage stellte. Der Wiener Hof konnte das nicht dulden und forder-
te einen Bericht an, wie die Zensur in Böhmen organisiert sei; so erfuhr er, dass
dort zwei Mitglieder der königlichen Repräsentation die politischen und juridi-
schen Schriften zu zensurieren hatten, während das erzbischöfliche Konsistori-
um für die theologischen, philosophischen und belletristischen Schriften zustän-
dig war. In der per Dekret vom 15. Jänner 1752 neu gegründeten Prager
Zensurkommission war – im Gegensatz zur Wiener – das erzbischöfliche Kon-
sistorium nicht vertreten, sondern sollte der Kommission bloß zuarbeiten. Um
so stärker fällt die Präsenz von Appellationsgerichtsräten auf; selbst nach einer
neuen Reorganisierung im Jahr 1771 blieb der Vizepräsident des Appellations-
gerichts und Oberlandschreiber Johann Wenzel Asterle von Astfeld stellvertre-
tender Vorsitzender der Zensurkommission. 1779 war es der Appellationsge-
richtspräsident Franz Xaver Graf Wieschnik, der im Rahmen eines Skandals um
die Verbreitung klandestiner Literatur (zur „Seibt-Affäre“ siehe unten) den Vor-
sitz der Zensurkommission vom Oberstburggrafen Fürstenberg übernahm.
Einen Einschnitt in der Geschichte der Prager Zensur stellt das bereits erwähn-
te Jahr 1771 dar. Auf Erzbischof Příchovský sollte Franz Karl Kressel von
Qualtenberg, der schon Anfang der 1760er Jahre diese Position innehatte, als
Vorsitzender folgen; gleichzeitig sollte Kressel aber seinen Platz in der böhmisch-ös-
terreichischen Hofkanzlei in Wien behalten. Das gelang offensichtlich nicht, denn
ab Jänner 1772 übernahm der neue Prager Oberstburggraf und böhmische Lan-
deschef Karl Egon von Fürstenberg unter anderem auch die Zensurkommission.
In dieser hatten die (weltlichen) Direktoren der vier Fakultäten Sitz und Stimme;
auch Karl Heinrich Seibt (1735–1806), Professor der Schönen Wissenschaften,
gehörte ihr als Beisitzer an. Er wurde beauftragt, das gesamte genus mixtum zu
zensieren, das heißt die Zeitungen, die Wochenschriften, die Belletristik sowie
das Theater.
Seibt, der unter Fürstenberg rasch Karriere machte, wurde das bald zu viel.
Als er 1775 Direktor der philosophischen Faktultät wurde, betraute man den
bisherigen Direktor, Peter Hebenstreit von Streitenfeld, mit der Zensur der Bel-
letristik einschließlich Lieder, Predigten usw. Dabei sollte ihm ein Assistent, der
Poetikprofessor Franz Expedit von Schönfeld, behilflich sein. Nachdem dieser
Ende 1779 nur kurze Zeit selbst Hauptzensor des genus mixtum gewesen war,
folgte ihm bis 1781 Ignaz Cornova (1740–1822), ebenfalls Poetikprofessor, aner-
kannter Dichter und Historiker. Als Teil dieser staatlichen Zensurkommission
fungierte auch seit der bereits erwähnten Reorganisierung im Jahr 1771 ein
Könige, in alten und neuen Zeiten, Lage, Beschaffenheit, Handel, Gräntzen, Gewässer, Gebür-
ge, Provintzien, Religion, Abgötterey und Bekehrung, Regierungs-Form, Geschichtsschreibern
u. a. m. Freyburg 1742; vgl. dazu S. 48.
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194 4. Ein Blick in die Länder
Die literarische Zensur in Österreich von 1751 bis 1848
- Title
- Die literarische Zensur in Österreich von 1751 bis 1848
- Author
- Norbert Bachleitner
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien - Köln - Weimar
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20502-9
- Size
- 15.8 x 24.0 cm
- Pages
- 532
- Keywords
- Censorship, Austria, Habsburg monarchy, 18th and 19th century, Zensur, Österreich, Habsburgermonarchie, Geschichte, 18. und 19. Jahrhundert, Literatur
- Categories
- Geschichte Vor 1918
Table of contents
- VORBEMERKUNGEN 11
- 1. EINLEITUNG 15
- 2. IM DIENST DER AUFKLÄRUNG: DIE ZENSUR ZWISCHEN 1751 UND 1791 41
- 2.1. Die Vorgeschichte: Zensur in der Frühen Neuzeit 41
- 2.2. Die maria-theresianische Zensurkommission 49
- 2.3. Die josephinisch-leopoldinische Epoche 58
- 2.4. Kommentierte Statistik der Verbotstätigkeit 1754–1791 73
- 2.4.1. Verbote 1754–1791 73
- 2.4.2. Verbote 1754–1780, gegliedert nach Sprachen 78
- 2.4.3. Meistverbotene Autoren 1754–1780 79
- 2.4.4. Verbote 1783–1791, gegliedert nach Sprachen 82
- 2.4.5. Meistverbotene Autoren 1783–1791 84
- 2.4.6. Verbote 1754–1791, gegliedert nach Disziplinen bzw. Gattungen 85
- 2.4.7. Meistverbotene Verlage 1754–1791 87
- 2.4.8. Häufigste Verlagsorte 1754–1791 91
- 3. DIE ZENSUR ALS INSTRUMENT DER REPRESSION: DIE ÄRA NAPOLEONS UND DER VORMÄRZ (1792–1848) 93
- 3.1. Zwischen Französischer Revolution und Studentenunruhen: Die Zensur von 1792 bis 1820 94
- 3.1.1. Die Etablierung des polizeilichen Zensursystems 94
- 3.1.2. Die Zensoren 96
- 3.1.3. Die Aktion der Rezensurierung 1803–1805 101
- 3.1.4. Die Jahre der napoleonischen Besatzung und die Zensurvorschrift von 1810 105
- 3.1.5. Die Zensurgutachten: Beispiele aus den Jahren 1810/11 108
- 3.1.6. Die Bücherrevisionsämter 114
- 3.1.7. Die Staatskanzlei 121
- 3.2. Die Zensur im Vormärz (1821–1848) 124
- 3.3. Kommentierte Statistik der Verbotstätigkeit 1792–1848 146
- 3.3.1. Verbote und Zulassungen 1792–1820 148
- 3.3.2. Verbote 1792–1820, gegliedert nach Sprachen 151
- 3.3.3. Meistverbotene Autoren 1792–1820 153
- 3.3.4. Verbote und Zulassungen 1821–1848 157
- 3.3.5. Verbote 1821–1848, gegliedert nach Sprachen 163
- 3.3.6. Meistverbotene Autoren 1821–1848 166
- 3.3.7. Verbote 1792–1848, gegliedert nach Disziplinen bzw. Gattungen 169
- 3.3.8. Meistverbotene Verlage 1792–1848 171
- 3.3.9. Meistverbotene französische Verlage 1792–1848 186
- 3.3.10. Häufigste Verlagsorte 1792–1848 188
- 3.1. Zwischen Französischer Revolution und Studentenunruhen: Die Zensur von 1792 bis 1820 94
- 4. EIN BLICK IN DIE LÄNDER 193
- 4.1. Petr Píša/Michael Wögerbauer: Das Königreich Böhmen (1750–1848) 193
- 4.1.1. Die böhmischen Zensurkommissionen und ihre Zusammensetzung 193
- 4.1.2. Das Nebeneinander der Zensurinstanzen 196
- 4.1.3. Die gescheiterte Zentralisierung (1781–1791) 200
- 4.1.4. Die langsame Professionalisierung und Zentralisierung des Zensurapparats unter Franz II./I 203
- 4.1.5. Prag und Wien im Spannungsfeld der Kompetenzstreitigkeiten 206
- 4.1.6. Die Struktur der Zensur in Böhmen seit 1810 208
- 4.1.7. Unter der Lupe – Analyse der Gutachten 211
- 4.1.8. Probleme der Zensur in den Provinzen – der Fall Böhmen 214
- 4.2. Daniel Syrovy: Die italienischsprachigen Gebiete der Habsburgermonarchie (1768–1848) 216
- 4.1. Petr Píša/Michael Wögerbauer: Das Königreich Böhmen (1750–1848) 193
- 5. DIE THEATERZENSUR 239
- 6. FALLSTUDIEN 259
- 6.1. Periodika 259
- 6.2. Chroniques scandaleuses 269
- 6.3. Die Motive ,Teufel‘ und ,Selbstmord‘ in der verbotenen Literatur 281
- 6.4. Die deutsche Klassik 296
- 6.5. Die Romantiker 321
- 6.6. Historische Romane am Beispiel von Walter Scott 336
- 6.7. Französische und anglo-amerikanische Romanliteratur der 1840er Jahre 347
- 6.8. Geschichtsepik 359
- 6.9. Französische Theaterstücke aus dem Zeitraum 1830–1848 374
- 6.10. Englische Theaterstücke 389
- 7. AUSBLICK 407
- ANHANG 411
- 1. Zensurprotokolle 411
- 2. Verordnungen, Zensur-Richtlinien, Berichte 416
- Mandat betreffend „Sectischer Bücher-Verbott“, ausgegeben von Erzherzog Ferdinand I. von Österreich am 12.3.1523 416
- „Kurze Nachricht von Einrichtung der hiesigen Hofbüchercommission“ vom Februar 1762 418
- Pro Memoria des Professoris Sonnenfels Die Einrichtung der Theatral Censur bet[treffend] [Resolution von Joseph II., vom 15. März 1770] 419
- Gerard van Swieten: Quelques remarques sur la censure des livres (14. Februar 1772) 421
- Zensurverordnung Josephs II., ausgegeben am 1. Juni 1781 427
- Hofdekret vom 20., kundgemacht in Mähren den 28., in Innerösterreich den 30. Jäner, in Gallizien den 3. Februar 1790 431
- Denkschrift Franz Karl Hägelins, gedacht als Leitfaden für die Theaterzensur in Ungarn (1795) 438
- Zensur-Vorschrift vom 12. September 1803. Anleitung für Zensoren nach den bestehenden Verordnungen 462
- Instruktion für die Theaterkommissäre in den Vorstädten von Wien, 5. Dezember 1803 470
- Vorschrift für die Leitung des Censurwesens und für das Benehmen der Censoren, in Folge a. h. Entschließung vom 14. September 1810 erlaßen 474
- ABBILDUNGSVERZEICHNIS 479
- BIBLIOGRAPHIE 480
- REGISTER 510