Page - 335 - in Die literarische Zensur in Österreich von 1751 bis 1848
Image of the Page - 335 -
Text of the Page - 335 -
sollten als diejenigen die er nun für das Gegentheil aufstellte“.252 Pater Hilarius
nennt den päpstlichen Emissär „geistlicher Komödiant“253 und hat damit noch
dazu Recht, weil Cyprianus ein alter Sünder ist, der nur aufgrund des Traumas,
seine Geliebte ermordet zu haben, und durch Vermittlung seines Bruder die
geistliche Laufbahn eingeschlagen hat. Diese Darstellung des Klosterlebens und
seine Fernsteuerung durch dubiose Kräfte aus Rom reichten für ein Verbot des
Romanfragments allemal aus.
„Datura fastuosa“, eine späte Erzählung Hoffmanns, ist einerseits erotisch
aufgeladen: Schon die titelgebende Pflanze verweist „mit ihren herrlich duften-
den großen trichterförmigen Blumen“ auf diesen Bereich,254 wobei überdies die
Ehe infrage gestellt wird; andererseits wird die Figur des Fermino Valies ver-
dächtigt, der Teufel zu sein. Fermino berichtet unter anderem, dass er aus einem
Kloster entlaufen sei, und schildert „das Leben in jenem strengen Orden, dessen
Regel der erfinderische Wahnsinn des höchsten Fanatismus geschaffen, und um
so greller stach dagegen das Bild ab, das er von seinem Leben in der Welt auf-
stellte“.255
Der Student Eugenius heiratet die Witwe seines Professors, um ungestört
Zugang zu dessen Gartenanlagen zu haben und so sein Lebenswerk fortsetzen
zu können. Er setzt sich damit dem Spott der Umgebung aus und wird auch
prompt in ein Duell verwickelt, andererseits ist er anfällig für die erotische Ver-
suchung, die von der Tochter des vermeintlichen Grafen Angelo Mora ausgeht.
Fermino, der Sekretär der verführerischen Gräfin, hat es leicht, den Ehegatten
mit der polemischen Nachfrage nach „den Umarmungen deiner Sara, deiner
Ninon“256 in Verlegenheit zu bringen. In Eugenius’ Ehe nimmt die Frau Profes-
sorin die Position einer Mutter ein, eine solche Zweckehe ist aus kirchlicher Sicht
an sich fragwürdig. Im Traum von einer engelsgleichen jungen Braut erfüllt
Eugenius auch prompt tiefe Abscheu vor der alten Professorin. Er streut ein Gift-
pulver in die Datura fastuosa, die Lieblingsblume der Frau Professor, und wird
nur durch einen glücklichen Zufall nicht zum Mörder. Am Ende baut Hoffmann
noch eine Spitze gegen die Jesuiten ein: Der falsche Graf und Fermino sind näm-
lich im Auftrag der Jesuiten unterwegs, um Anhänger und Mitarbeiter zu rekru-
tieren. Dabei bedient sich der Orden „der seltsamsten Mystifikationen […];
nichts kettet aber fester als das Verbrechen, und Fermino glaubte daher mit Recht
sich des Jünglings nicht besser versichern zu können, als wenn er die schlum-
252 Ebd., S. 381.
253 Ebd., S. 382.
254 Datura fastuosa. In: E. T. W. [!] Hoffmann’s erzählende Schriften in einer Auswahl. Bd. 14.
Stuttgart: Brodhag 1831, S. 59.
255 Ebd., S. 54–55.
256 Ebd., S. 70. 6.5. Die Romantiker 335
Die literarische Zensur in Österreich von 1751 bis 1848
- Title
- Die literarische Zensur in Österreich von 1751 bis 1848
- Author
- Norbert Bachleitner
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien - Köln - Weimar
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20502-9
- Size
- 15.8 x 24.0 cm
- Pages
- 532
- Keywords
- Censorship, Austria, Habsburg monarchy, 18th and 19th century, Zensur, Österreich, Habsburgermonarchie, Geschichte, 18. und 19. Jahrhundert, Literatur
- Categories
- Geschichte Vor 1918
Table of contents
- VORBEMERKUNGEN 11
- 1. EINLEITUNG 15
- 2. IM DIENST DER AUFKLÄRUNG: DIE ZENSUR ZWISCHEN 1751 UND 1791 41
- 2.1. Die Vorgeschichte: Zensur in der Frühen Neuzeit 41
- 2.2. Die maria-theresianische Zensurkommission 49
- 2.3. Die josephinisch-leopoldinische Epoche 58
- 2.4. Kommentierte Statistik der Verbotstätigkeit 1754–1791 73
- 2.4.1. Verbote 1754–1791 73
- 2.4.2. Verbote 1754–1780, gegliedert nach Sprachen 78
- 2.4.3. Meistverbotene Autoren 1754–1780 79
- 2.4.4. Verbote 1783–1791, gegliedert nach Sprachen 82
- 2.4.5. Meistverbotene Autoren 1783–1791 84
- 2.4.6. Verbote 1754–1791, gegliedert nach Disziplinen bzw. Gattungen 85
- 2.4.7. Meistverbotene Verlage 1754–1791 87
- 2.4.8. Häufigste Verlagsorte 1754–1791 91
- 3. DIE ZENSUR ALS INSTRUMENT DER REPRESSION: DIE ÄRA NAPOLEONS UND DER VORMÄRZ (1792–1848) 93
- 3.1. Zwischen Französischer Revolution und Studentenunruhen: Die Zensur von 1792 bis 1820 94
- 3.1.1. Die Etablierung des polizeilichen Zensursystems 94
- 3.1.2. Die Zensoren 96
- 3.1.3. Die Aktion der Rezensurierung 1803–1805 101
- 3.1.4. Die Jahre der napoleonischen Besatzung und die Zensurvorschrift von 1810 105
- 3.1.5. Die Zensurgutachten: Beispiele aus den Jahren 1810/11 108
- 3.1.6. Die Bücherrevisionsämter 114
- 3.1.7. Die Staatskanzlei 121
- 3.2. Die Zensur im Vormärz (1821–1848) 124
- 3.3. Kommentierte Statistik der Verbotstätigkeit 1792–1848 146
- 3.3.1. Verbote und Zulassungen 1792–1820 148
- 3.3.2. Verbote 1792–1820, gegliedert nach Sprachen 151
- 3.3.3. Meistverbotene Autoren 1792–1820 153
- 3.3.4. Verbote und Zulassungen 1821–1848 157
- 3.3.5. Verbote 1821–1848, gegliedert nach Sprachen 163
- 3.3.6. Meistverbotene Autoren 1821–1848 166
- 3.3.7. Verbote 1792–1848, gegliedert nach Disziplinen bzw. Gattungen 169
- 3.3.8. Meistverbotene Verlage 1792–1848 171
- 3.3.9. Meistverbotene französische Verlage 1792–1848 186
- 3.3.10. Häufigste Verlagsorte 1792–1848 188
- 3.1. Zwischen Französischer Revolution und Studentenunruhen: Die Zensur von 1792 bis 1820 94
- 4. EIN BLICK IN DIE LÄNDER 193
- 4.1. Petr Píša/Michael Wögerbauer: Das Königreich Böhmen (1750–1848) 193
- 4.1.1. Die böhmischen Zensurkommissionen und ihre Zusammensetzung 193
- 4.1.2. Das Nebeneinander der Zensurinstanzen 196
- 4.1.3. Die gescheiterte Zentralisierung (1781–1791) 200
- 4.1.4. Die langsame Professionalisierung und Zentralisierung des Zensurapparats unter Franz II./I 203
- 4.1.5. Prag und Wien im Spannungsfeld der Kompetenzstreitigkeiten 206
- 4.1.6. Die Struktur der Zensur in Böhmen seit 1810 208
- 4.1.7. Unter der Lupe – Analyse der Gutachten 211
- 4.1.8. Probleme der Zensur in den Provinzen – der Fall Böhmen 214
- 4.2. Daniel Syrovy: Die italienischsprachigen Gebiete der Habsburgermonarchie (1768–1848) 216
- 4.1. Petr Píša/Michael Wögerbauer: Das Königreich Böhmen (1750–1848) 193
- 5. DIE THEATERZENSUR 239
- 6. FALLSTUDIEN 259
- 6.1. Periodika 259
- 6.2. Chroniques scandaleuses 269
- 6.3. Die Motive ,Teufel‘ und ,Selbstmord‘ in der verbotenen Literatur 281
- 6.4. Die deutsche Klassik 296
- 6.5. Die Romantiker 321
- 6.6. Historische Romane am Beispiel von Walter Scott 336
- 6.7. Französische und anglo-amerikanische Romanliteratur der 1840er Jahre 347
- 6.8. Geschichtsepik 359
- 6.9. Französische Theaterstücke aus dem Zeitraum 1830–1848 374
- 6.10. Englische Theaterstücke 389
- 7. AUSBLICK 407
- ANHANG 411
- 1. Zensurprotokolle 411
- 2. Verordnungen, Zensur-Richtlinien, Berichte 416
- Mandat betreffend „Sectischer Bücher-Verbott“, ausgegeben von Erzherzog Ferdinand I. von Österreich am 12.3.1523 416
- „Kurze Nachricht von Einrichtung der hiesigen Hofbüchercommission“ vom Februar 1762 418
- Pro Memoria des Professoris Sonnenfels Die Einrichtung der Theatral Censur bet[treffend] [Resolution von Joseph II., vom 15. März 1770] 419
- Gerard van Swieten: Quelques remarques sur la censure des livres (14. Februar 1772) 421
- Zensurverordnung Josephs II., ausgegeben am 1. Juni 1781 427
- Hofdekret vom 20., kundgemacht in Mähren den 28., in Innerösterreich den 30. Jäner, in Gallizien den 3. Februar 1790 431
- Denkschrift Franz Karl Hägelins, gedacht als Leitfaden für die Theaterzensur in Ungarn (1795) 438
- Zensur-Vorschrift vom 12. September 1803. Anleitung für Zensoren nach den bestehenden Verordnungen 462
- Instruktion für die Theaterkommissäre in den Vorstädten von Wien, 5. Dezember 1803 470
- Vorschrift für die Leitung des Censurwesens und für das Benehmen der Censoren, in Folge a. h. Entschließung vom 14. September 1810 erlaßen 474
- ABBILDUNGSVERZEICHNIS 479
- BIBLIOGRAPHIE 480
- REGISTER 510