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oder eine Anstalt der Staatsverwaltung tadeln oder in das Lächerliche ziehen,
Fürsten, Minister oder Staatsbeamte auf eine solche Art schildern, daß dadurch
ein gehässiger Schatten auf den ganzen Stand geworfen oder der Deutelei des
Publikums irgend eine individuelle Person preisgegeben wird; alle satirischen
oder beleidigenden Ausfälle auch gegen Stände der bürgerlichen Gesellschaft,
besonders den Adel und das Militär; alle Stellen, welche bestimmt gesetzwidri-
gen Handlungen den Anstrich von Rechtmäßigkeit und dem Laster oder Ver-
brechen den Schein von Größe leihen, einen irrigen oder gefährlichen Begriff
über das Verhältnis zwischen Regenten und Untertanen verbreiten, Freiheitssinn
wecken oder überhaupt in einem revolutionären Geist oder Ton hingeschrieben
sind; alle Stellen, welche in dieser oder jener Hinsicht für eine mit dem k.
k. Hofe
in freundschaftlichen Verhältnissen stehende Macht anstößig oder beleidigend
sein können, Rückerinnerungen an den Gang des letzten Krieges hervorbringen,
oder als Anspielungen auf unglückliche Vorfälle und Personen desselben betrach-
tet werden können; alle Stellen, welche gegen genannte oder kennbar gezeich-
nete Personen oder amtliche Behörden, besonders gegen die Polizei, gerichtet
sind. Man darf von den Herren Theaterkommissären mit Vertrauen vorausset-
zen, daß sie als Polizeibeamte pflichtgemäß mit der Stimmung des Volkes und
mit dem Totaleindrucke, welchen Ereignisse der Zeit, Verfügungen der Staats-
verwaltung, Auflagen, Teuerungen und andere Umstände auf dasselbe machen,
mehr als oberflächlich bekannt sein werden. Sie haben also mit besonderer
Strenge darüber zu wachen, daß Gegenstände, welche das Volk in eine unange-
nehme, mißmutige Stimmung setzten, in einer solchen Epoche auch nicht auf
die entfernteste Weise berührt werden.
§
10. Die Verletzungen der Sittlichkeit müssen im strengeren Sinne genommen
werden. Es ist nicht genug, nur wirkliche Obszönitäten, Laszivitäten und Zoten
auszutilgen. Auch die verblümteren Zweideutigkeiten, besonders solche, bei wel-
chen durch Aktion, Stellung und Ausdruck der eigentliche Sinn erklärt oder ver-
raten wird; die wärmeren Schilderungen der Liebe, wenn sie den materiellen Teil
derselben auf eine schlüpfrige Weise berühren und die Sinnlichkeit wecken; die
leichtsinnigen Witzeleien, welche Unschuld, Tugend und eheliche Treue dem Spot-
te preisgeben; die frechen, wollüstigen Umarmungen und Berührungen der Schau-
spieler und Schauspielerinnen müssen verbannt werden. Nicht weniger ist darauf
zu sehen, daß der Anzug der Schauspielerinnen immer innerhalb der Grenze des
Anständigen bleibe, selbst wenn die Mode darüber hinweggeht.
§
11. So wie, besonders bei lokalen Stücken, in welchen Menschen aus den min-
deren Volksklassen handeln, der rohere Pöbelton, der an sich schon Beleidigung
des guten Geschmacks und des gesitteteren Publikums ist, nach und nach ver-
drängt werden muß, so haben die Herren Theaterkommissäre auch noch darü-
ber zu wachen, daß a) in den Dekorationen keine Figuren oder Gemälde erschei-
nen, welche die Sittlichkeit oder die Anständigkeit verletzen; b) daß weder die
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472 Anhang
Die literarische Zensur in Österreich von 1751 bis 1848
- Title
- Die literarische Zensur in Österreich von 1751 bis 1848
- Author
- Norbert Bachleitner
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien - Köln - Weimar
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20502-9
- Size
- 15.8 x 24.0 cm
- Pages
- 532
- Keywords
- Censorship, Austria, Habsburg monarchy, 18th and 19th century, Zensur, Österreich, Habsburgermonarchie, Geschichte, 18. und 19. Jahrhundert, Literatur
- Categories
- Geschichte Vor 1918
Table of contents
- VORBEMERKUNGEN 11
- 1. EINLEITUNG 15
- 2. IM DIENST DER AUFKLÄRUNG: DIE ZENSUR ZWISCHEN 1751 UND 1791 41
- 2.1. Die Vorgeschichte: Zensur in der Frühen Neuzeit 41
- 2.2. Die maria-theresianische Zensurkommission 49
- 2.3. Die josephinisch-leopoldinische Epoche 58
- 2.4. Kommentierte Statistik der Verbotstätigkeit 1754–1791 73
- 2.4.1. Verbote 1754–1791 73
- 2.4.2. Verbote 1754–1780, gegliedert nach Sprachen 78
- 2.4.3. Meistverbotene Autoren 1754–1780 79
- 2.4.4. Verbote 1783–1791, gegliedert nach Sprachen 82
- 2.4.5. Meistverbotene Autoren 1783–1791 84
- 2.4.6. Verbote 1754–1791, gegliedert nach Disziplinen bzw. Gattungen 85
- 2.4.7. Meistverbotene Verlage 1754–1791 87
- 2.4.8. Häufigste Verlagsorte 1754–1791 91
- 3. DIE ZENSUR ALS INSTRUMENT DER REPRESSION: DIE ÄRA NAPOLEONS UND DER VORMÄRZ (1792–1848) 93
- 3.1. Zwischen Französischer Revolution und Studentenunruhen: Die Zensur von 1792 bis 1820 94
- 3.1.1. Die Etablierung des polizeilichen Zensursystems 94
- 3.1.2. Die Zensoren 96
- 3.1.3. Die Aktion der Rezensurierung 1803–1805 101
- 3.1.4. Die Jahre der napoleonischen Besatzung und die Zensurvorschrift von 1810 105
- 3.1.5. Die Zensurgutachten: Beispiele aus den Jahren 1810/11 108
- 3.1.6. Die Bücherrevisionsämter 114
- 3.1.7. Die Staatskanzlei 121
- 3.2. Die Zensur im Vormärz (1821–1848) 124
- 3.3. Kommentierte Statistik der Verbotstätigkeit 1792–1848 146
- 3.3.1. Verbote und Zulassungen 1792–1820 148
- 3.3.2. Verbote 1792–1820, gegliedert nach Sprachen 151
- 3.3.3. Meistverbotene Autoren 1792–1820 153
- 3.3.4. Verbote und Zulassungen 1821–1848 157
- 3.3.5. Verbote 1821–1848, gegliedert nach Sprachen 163
- 3.3.6. Meistverbotene Autoren 1821–1848 166
- 3.3.7. Verbote 1792–1848, gegliedert nach Disziplinen bzw. Gattungen 169
- 3.3.8. Meistverbotene Verlage 1792–1848 171
- 3.3.9. Meistverbotene französische Verlage 1792–1848 186
- 3.3.10. Häufigste Verlagsorte 1792–1848 188
- 3.1. Zwischen Französischer Revolution und Studentenunruhen: Die Zensur von 1792 bis 1820 94
- 4. EIN BLICK IN DIE LÄNDER 193
- 4.1. Petr Píša/Michael Wögerbauer: Das Königreich Böhmen (1750–1848) 193
- 4.1.1. Die böhmischen Zensurkommissionen und ihre Zusammensetzung 193
- 4.1.2. Das Nebeneinander der Zensurinstanzen 196
- 4.1.3. Die gescheiterte Zentralisierung (1781–1791) 200
- 4.1.4. Die langsame Professionalisierung und Zentralisierung des Zensurapparats unter Franz II./I 203
- 4.1.5. Prag und Wien im Spannungsfeld der Kompetenzstreitigkeiten 206
- 4.1.6. Die Struktur der Zensur in Böhmen seit 1810 208
- 4.1.7. Unter der Lupe – Analyse der Gutachten 211
- 4.1.8. Probleme der Zensur in den Provinzen – der Fall Böhmen 214
- 4.2. Daniel Syrovy: Die italienischsprachigen Gebiete der Habsburgermonarchie (1768–1848) 216
- 4.1. Petr Píša/Michael Wögerbauer: Das Königreich Böhmen (1750–1848) 193
- 5. DIE THEATERZENSUR 239
- 6. FALLSTUDIEN 259
- 6.1. Periodika 259
- 6.2. Chroniques scandaleuses 269
- 6.3. Die Motive ,Teufel‘ und ,Selbstmord‘ in der verbotenen Literatur 281
- 6.4. Die deutsche Klassik 296
- 6.5. Die Romantiker 321
- 6.6. Historische Romane am Beispiel von Walter Scott 336
- 6.7. Französische und anglo-amerikanische Romanliteratur der 1840er Jahre 347
- 6.8. Geschichtsepik 359
- 6.9. Französische Theaterstücke aus dem Zeitraum 1830–1848 374
- 6.10. Englische Theaterstücke 389
- 7. AUSBLICK 407
- ANHANG 411
- 1. Zensurprotokolle 411
- 2. Verordnungen, Zensur-Richtlinien, Berichte 416
- Mandat betreffend „Sectischer Bücher-Verbott“, ausgegeben von Erzherzog Ferdinand I. von Österreich am 12.3.1523 416
- „Kurze Nachricht von Einrichtung der hiesigen Hofbüchercommission“ vom Februar 1762 418
- Pro Memoria des Professoris Sonnenfels Die Einrichtung der Theatral Censur bet[treffend] [Resolution von Joseph II., vom 15. März 1770] 419
- Gerard van Swieten: Quelques remarques sur la censure des livres (14. Februar 1772) 421
- Zensurverordnung Josephs II., ausgegeben am 1. Juni 1781 427
- Hofdekret vom 20., kundgemacht in Mähren den 28., in Innerösterreich den 30. Jäner, in Gallizien den 3. Februar 1790 431
- Denkschrift Franz Karl Hägelins, gedacht als Leitfaden für die Theaterzensur in Ungarn (1795) 438
- Zensur-Vorschrift vom 12. September 1803. Anleitung für Zensoren nach den bestehenden Verordnungen 462
- Instruktion für die Theaterkommissäre in den Vorstädten von Wien, 5. Dezember 1803 470
- Vorschrift für die Leitung des Censurwesens und für das Benehmen der Censoren, in Folge a. h. Entschließung vom 14. September 1810 erlaßen 474
- ABBILDUNGSVERZEICHNIS 479
- BIBLIOGRAPHIE 480
- REGISTER 510