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Fasching #

Fasching

Die Dauer des Faschings hängt vom Osterdatum (zwischen 22. März und 25. April) ab. Die Vorbereitungszeit auf das höchste Fest der Christenheit dauert 40 Tage und beginnt am Aschermittwoch (zwischen 4. Februar und 10. März). Er folgt auf den Faschingdienstag, der Höhepunkt und Ende der närrischen drei Tage markiert. 

Fasching ist in Österreich und Süddeutschland das Synonym für Fastnacht. Laut Etymologieduden erscheint das Wort im 13. Jahrhundert als Vaschanc oder Vastschang und wurde als Ausschenken des Fastentrunks verstanden. Es verweist auf Bräuche in den Zünften und damit auf städtische Rituale. Erst im 17. Jahrhundert hat man die Silbe -ang durch -ing ersetzt. Lexers Taschenwörterbuch übersetzt das mittelhochdeutsche "vas(t)naht" mit "Vorabend vor Beginn der Fastenzeit, Tag vor Aschermittwoch." Im Fasching ist alles erlaubt, was sonst verboten ist, wie Geschlechterwechsel, Freizügigkeit, Protest und Parodie, Umkehrung der Herrschaftsverhältnisse, derbe Scherze. Es scheint ein Grundbedürfnis zu sein, dass Menschen von Zeit zu Zeit ihren Alltag verlassen um symbolisch in eine andere Haut zu schlüpfen. So schrieb der Begründer der Psychoanalyse Sigmund Freud (1856-1939) in seiner Abhandlung "Totem und Tabu": "Ein Fest ist ein gestatteter, vielmehr ein gebotener Exzess, ein feierlicher Durchbruch eines Verbotes. Nicht weil die Menschen infolge irgendeiner Vorschrift froh gestimmt sind, begehen sie Ausschreitungen, sondern der Exzess liegt im Wesen des Festes; die festliche Stimmung wird durch die Freigebung des sonst Verbotenen erzeugt." 

Ethnologen (Dietz-Rüdiger Moser) haben Zusammenhänge zwischen Fasching und Kirchenjahr herausgearbeitet. Zeitweise war in der Fastenzeit nicht nur der Fleischgenuss verboten, sondern auch andere Speisen und jede Art von Vergnügen. Den Seelenhirten war bewusst, dass dies nur durchzuhalten war, wenn sie ihren Schäfchen einige Wochen vorher umso mehr Freiheiten einräumten. Erklärt wurde das mit der Zwei-Welten-Lehre des heiligen Augustinus (354-430). Er stellte der Welt des Teufels das Reich Gottes gegenüber. Lärm, Narrheit und andere weltliche Dinge standen auf der einen Seite, Ruhe, Frieden und Gottesliebe auf der anderen. Der Narr als Gottesleugner wurde im Mittelalter mit Schelle und Pauke dargestellt - Requisiten, die im Fasching ihren Platz haben. Obwohl diese Erkenntnisse keineswegs neu sind, scheinen sie sich nicht so recht herumgesprochen zu haben. Hobbyforscher wie Neuheiden sind noch immer (oder schon wieder) von der Verwurzelung des Brauchtums in der germanischen Mythologie überzeugt. Der NS-Ideologie passte die "heidnische Fasnacht" hervorragend ins Konzept: Die christlichen Hintergründe wurden geleugnet und an ihrer Stelle ein heidnisches Herkommen der Bräuche behauptet. Aus der Fastnacht, deren Bezeichnung ihre Abhängigkeit von der Fastenzeit verrät, entstand die "Fasnacht": Faseln, "fruchtbar machen“, erschien als Quelle für die Erklärung der Brauchzeit passender. Die Fasnachtsfeier galt nun als Vegetationskult. Die Propaganda war mächtig und das "Volk" glaubt(e) es gerne. Der Etymologieduden lässt diese Deutung offen. Lexer übersetzt "vasel" als Zuchtstier bzw. Gesinde, "vast(e)" als Fastenzeit, Buße. 

Seit dem Mittelalter gingen die Bewohner der europäischen Städte an den "fetten Tagen" auf die Straße feiern. In Wien fanden vom 15. bis ins 18. Jahrhundert Maskenumzüge statt, an denen die Obrigkeit Anstoß nahm. Niemand sollte in Bauernkleidern oder sonst vermummt durch die Stadt gehen, hieß es schon 1465. In der Maria Theresianischen Zeit wiederholten sich die Verbote alljährlich, bis sich das Faschingstreiben schließlich in die Ballsäle zurückzog. Im 19. Jahrhundert, als in den Vorstädten immer prächtigere Lokalitäten gebaut wurden, entstand der berühmte Wiener Walzer. Seit mehr als einem Jahrzehnt wird in Wien (auf dem Stephansplatz oder Stock- im-Eisen-Platz) am 11.11. um 11.11 Uhr der Fasching und damit die Ballsaison begrüßt. Tanzmeister erklären von einer Bühne aus die richtigen Schrittfolgen und Drehungen, Profi-Paare zeigen sie vor. Hunderte Passanten tanzen mit. Den Abschluss bildet traditionell eine Quadrille.

Die rund 400 Bälle in Wien gehören zu den gesellschaftlichen Highlights der Stadt. 2017 wird die Besucherzahl auf fast eine halbe Million geschätzt, davon 60.000 Gäste aus den Bundesländern und 55.000 aus dem Ausland. Die Wiener Veranstalter und Gewerbebetriebe rechnen mit 131 Millionen € Umsatz, durchschnittlich 270 € pro Ballgast.

1842 bestand der Dornbacher Faschingszug (Wien 17) aus mehr als 20 Gruppen. Ähnliches gab es auch in anderen Wiener Vororten: "Dienstag den 8. Febr. ist großer Maskenzug unter dem Titel: Freuet euch des Lebens! welcher um 1 Uhr Nachmittags in Dornbach über Neuwaldegg Statt findet. Großes Maskenquodlibet, von verschiedenen Karikaturen dargestellt. 1. Zwei Laufer. 2. Zwei Trompeter. 3. Mehrere Ritter, die den Zug eröffnen, darunter der Zugskommandant. 4. Der amerikanische Hühnerkrämer. 5. Der Räuber Palavicini. 6. Der Faschingskönig in Floribus 7. Eine Musikbande bei Gasbeleuchtung. 8. Ein Sultan samt Dienerschaft. 9. Die Verliebten auf der Wasserpromenade. 10. Der schönste Ritter von Milano.11. Saturnus, der Kinderfresser. 12. Ein Tanzbär. 13. Der Jude am Eilwagen. 14. Die Zunft der Milchweiber. 15. Die Blutfreundschaft in Krähwinkel auf der Wurst. 16. Der Schneider auf dem Bock. 17. Gänzlicher Ausverkauf mit Schaden. 18. Alte Weibermühle. 19. Neuer Backofen von Tirol. 20. Maskenquodlibet. 21. Robert der Teufel, wie er mit den alten Weibern in die Versorgung fährt. Abends um 7 Uhr ist großer Maskenball."

Seit mehr als einem halben Jahrhundert pflegen die Wiener Faschingsgilden Umzüge durch die Geschäftsstraßen, anfangs über den Ring. 2016 und 2017 bewegte sich der große Wiener Faschingszug durch den Prater.

Tradition hatte in Wien das "Künstlerhaus-Gschnas", bis 1965 war es "das Party-Highlight", danach fand es vereinzelt bis in die 1980er Jahre statt. Schon 1868 feierten die Künstlerhausmitglieder am Faschingmontag ihr Fest mit großartigen Dekorationen. 1904 wurde es mehrmals wiederholt und hatte Tausende Besucher. Zum 150-Jahr-Jubiläum des Künstlerhauses gab es wieder ein Gschnasfest, unter dem Motto "Untragbar", am 11.11.2011 wurde dort der Fasching eingeläutet.

In Salzburg belegen Verbote aus dem Jahr 1730 das Faschingstreiben im ganzen Bundesland. 1874 fand ein Umzug statt, wie ihn die Stadt noch nie gesehen hatte: "Einzug des Prinzen Karneval und Gemahlin samt Hofstaat und Gefolge". Nach einigen Jahren stellte das Komitee seine Aktivitäten ein, erst 1900 gab es wieder einen Faschingszug. 1901 war auch der Tamsweger Samson mit von der Partie. 1948 konstituierte sich eine Salzburger Faschingsgilde.

In der Steiermark ist der Ausseer Fasching berühmt. Der größte Narrenumzug Österreichs geht am Faschingsdienstag in der Grazer Innenstadt über die Bühne. Der ORF Steiermark überträgt „Das Steirerland im Narreng’wand – Graz schön komisch“ live. Dekorierte Wagen, bunte Masken, kreative Kostüme und zahlreiche Närrinnen und Narren prägen das Straßenbild.

In Kärnten ist der Villacher Fasching ein beträchtlicher Wirtschaftsfaktor. Die Sitzungen der Faschingsgilde bringen jedes Jahr zwischen 13.000 und 14.000 Besucher und damit einen Umsatz bis 3 Mio. €. Am Faschingssamstag zählt man in der Innenstadt rund 20.000 bis 25.000 Besucher, deren Konsumation umsatzmäßig die Millionengrenze. übersteigt. Am Umzug nehmen 120 Gruppen mit 3.500 "Narren" aus Österreich, Italien, Slowenien und Frankreich teil. Die Fernsehübertragung am Faschingdienstag verfolgten 2017 "nur" 1,085 Millionen Zuseher ( 2003 waren es 2,12 Mio., im Vorjahr 1,26 Mio.) Trotzdem sicherte sich der ORF die Ausstrahlungsrechte bis 2022.

Besonders bekannt sind die dort so genannten Fasnachtsbräuche in Tirol, wie der Schemenlauf in Imst, der ebenfalls zum UNESCO-Kulturerbe zählt.

In der Diözese St. Pölten in Niederösterreich pflegen einige Pfarrer den Brauch der Faschingspredigt. Zu den bekanntesten zählt Rupert Grill aus Zeillern (Bezirk Amstetten), der am Faschingssonntag gesellschaftliche und alltägliche Themen humorvoll in Versform behandelt. Johann Zarl, Pfarrer von St. Valentin (Bezirk Amstetten), holt einen Clown in dieKirche. Eine Aussendung der Diözese St. Pölten nennt 2017 eine Reihe von Geistlichen, die „besondere Predigten“ halten: Peter Bösendorfer in Amstetten-St. Stephan, Manfred Heiderer in Sindelburg (Bezirk Amstetten), Herbert Reisinger der "Kabarett-Pfarrer" von Langenhart bei St. Valentin (Bezirk Amstetten), P. Clemens Reischl in Mautern (Bezirk Krems), P. Pius Maurer, Prior des Stifts Lilienfeld, und Martin Grüßenberger in Ollern (Bezirk Tulln).

Die Kirche gab im Mittelalter den Anstoß zu einem Brauch, der sich in der Folge zu seiner Parodie entwickelte: das Faschingbegraben. Die Bestattung (Depositio) des Halleluja stammt aus der Ostkirche. Die Zeremonie im Rahmen eines Requiems sollte den Ernst der kommenden Zeit veranschaulichen. Die Persiflage, das Begraben, Verbrennen oder in das Wasser-Werfen einer Strohpuppe, die den Fasching darstellt, findet in zahlreichen Orten statt.

Bei der im Frühjahr 2016 durchgeführten IMAS-Umfrage "Traditionen und Bräuche" (Archiv Nr. 016041) gaben 77% an, den Fasching zu kennen und 46 %, selbst zu feiern. (Vorgegebene Stichworte: Faschingsumzüge, Verkleidung, Faschingskrapfen.) Nach "Makam research" feierte 2016 in Österreich jede/r Zweite, in Wien nur 39 Prozent. Österreichweit begingen 2,12 Millionen Personen Fasching im Familien- und Freundeskreis, 1,4 Millionen verkleideten sich, 1,7 Millionen nahmen an einem Faschingszug teil - in Tirol und Vorarlberg jed/r Dritte mit. Der Umsatz für Verkleidung, Speisen etc. lag bei 186 Millionen Euro (zwischen 40 und 60 Euro pro Person).


Quellen: 
Etymologieduden (Internet)
Matthias Lexer: Mittelhochdeutsches Taschenwörterbuch, Leipzig 1885. S. 233
Helga Maria Wolf: Feste & Bräuche im Jahreskreis. St. Pölten 2003. S. 30 f.
Gustav Gugitz: Das Jahr und seine Feste. Wien 1949. I/35 f.
Johann Ev. Schlager: Wiener Skizzen aus dem Mittelalter Wien 1835. S. 275 und 1842 S. 246 f.
Villach 2017
Karl Zinnburg: Salzburger Volksbräuche. Salzburg 1972
Bezirksblatt November 2011
Fasching 2012
NÖ 2017
"Österreich" 21.2.2017
Kleine Zeitung

Bild: Trommelweiber, Bad Aussee (Steiermark). Foto: Elisabeth Stefani, 1984, freundlicherweise für das Austria-Forum zur Verfügung gestellt


Siehe auch:

-->Impressionen vom Währinger Faschingsumzug 2015

-->Hofball

Fasching in: Verschwundene BräucheDas Buch der untergegangenen RitualeHelga Maria WolfBrandstätter VerlagWien2015jetzt im Buch blättern