Page - 13 - in Heimatrecht und Staatsbürgerschaft österreichischer Juden - Vom Ende des 18. Jahrhunderts bis in die Gegenwart
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Einführung 13
zeigen sein, unterliegt auch der Begriff der Staatsbürgerschaft selbst.14 Weder »das
Jüdische«, noch »das Österreichische«, noch »die Staatsbürgerschaft« sind als Kons-
tanten zu denken, sondern als historisch gewordene, veränderliche, vielfach interde-
pendente Phänomene.
Da der Begriff der Staatsbürgerschaft überwiegend männlich konnotiert ist und
eine eigenständige, vom Vater oder Ehemann unabhängige Staatsbürgerschaft für
Frauen noch bis weit in das 20. Jahrhundert gar nicht existierte15, erwies es sich
überaus schwierig, generelle Aussagen über Heimatrecht und Staatsbürgerschaft von
Frauen zu treffen. Dennoch zeigte es sich, dass es auch bei den Jüdinnen eigenbe-
rechtigte Frauen (Witwen, Gewerbetreibende) gab, die bei den Behörden etwa die
Verlängerung ihrer »Toleranz«, später den Erwerb des Heimatrechtes bzw. der Staats-
bürgerschaft selbständig beantragten – mehr jedenfalls, als es die Theorie der Staats-
bürgerschaft, die seit Rousseau und Kant auf den freien, gleichen, selbstständigen
männlichen Bürger verweist, erwarten ließ.16 Trotz des Ausschlusses von Frauen von
vielen staatsbürgerlichen Rechten während des ganzen 19. Jahrhunderts und trotz
starker Beschränkungen durch die sogenannten »familienrechtlichen Tatsachen«
wird versucht, auch die Staatsbürgerschaft der jüdischen Frau sichtbar zu machen.
Neben den jüdischen Frauen gilt ein besonderes Augenmerk der Studie den staaten-
losen Juden (mit teilweise jahrzehntelanger Anwesenheit auf österreichischem Territo-
rium). Ihnen widmen sich die drei Fallgeschichten am Ende des Buches.
Die Arbeit beruht auf Ergebnissen eines einjährigen gleichnamigen Forschungs-
projekts, das vom Jubiläumsfonds der Österreichischen Nationalbank unterstützt
wurde. Diesem gilt mein Dank. Ebenso eingeflossen sind Teilergebnisse einer ge-
meinsam mit Harald Wendelin und Dieter Kolonovits für die Österreichische His-
torikerkommission erstellten, unter dem Titel »Staatsbürgerschaft und Vertreibung«
bereits früher publizierten Studie.17 Soweit es sich um Einzelergebnisse der genann-
ten Forscher handelt, wurde dies jeweils ausgewiesen.
Mein ganz besonderer Dank gilt Waltraud Heindl-Langer (Wien) für die lang-
jährige Unterstützung und Begleitung meiner Arbeit, für viele anregende Gespräche,
14 Vgl. Burger, Paßwesen und Staatsbürgerschaft, S. 95f.
15 Maureen Healy spricht in diesem Zusammenhang von »Proto-Staatsbürgern«. Vgl. Maureen Healy :
Vienna and the Fall of the Habsburg Empire. Total War and Everyday Life in World War I (Cam-
bridge 2004), S. 10.
16 Vgl. Hannelore Burger : Zur Geschichte der Staatsbürgerschaft der Frauen in Österreich. Ausge-
wählte Fallstudien aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, in : L’homme 10, 1 (1999), S. 38–44,
siehe auch das Editorial des vorgenannten Heftes zum Thema »Citizenship« von Erna Appelt, S. 7ff
sowie Erna Appelt : Geschlecht, Staatsbürgerschaft, Nation. Politische Konstruktionen des Ge-
schlechterverhältnisses in Europa (Frankfurt/New York 1999).
17 Dieter Kolonovits/Hannelore Burger/Harald Wendelin : Staatsbürgerschaft und Vertreibung (= Ver-
öffentlichungen der Österreichischen Historikerkommission 7) (Wien 2004).
Heimatrecht und Staatsbürgerschaft österreichischer Juden
Vom Ende des 18. Jahrhunderts bis in die Gegenwart
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Heimatrecht und Staatsbürgerschaft österreichischer Juden
- Subtitle
- Vom Ende des 18. Jahrhunderts bis in die Gegenwart
- Author
- Hannelore Burger
- Location
- Wien
- Date
- 2014
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79495-0
- Size
- 15.5 x 23.5 cm
- Pages
- 292
- Keywords
- Heimatrecht, Staatsbürgerschaft, Juden, Österreichische Juden, Judenemanzipation, Toleranz, Josephinische Reformen, Österreichische Monarchie, Ausgleich, Österreich-Ungarn, Erste Republik, Nationalsozialistische Judenverfolgung, Ausbürgerung
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
Table of contents
- Einführung 9
- Von der Epoche des josephinischen Reformabsolutismus bis zum Ende des Neoabsolutismus 15
- Die Frage der jüdischen Bürgerrechte in der Aufklärung 15
- Exkurs : Juden in den österreichischen Ländern vom Hochmittelalter bis in das Zeitalter der Emanzipation 19
- Die josephinische Zäsur 26
- Das böhmisch-mährische System der Familienstellen 29
- Das Toleranzpatent für die Juden Galiziens 34
- Anhaltende »Verschiedenheit des politischen Zustandes« 38
- Die Vertretung der Tolerierten 39
- Das Judenamt 40
- Die Hofkanzlei als Hüterin der Toleranz 45
- Taufen und Nobilitierungen 47
- Die Kodifizierung des Staatsbürgerschaftsrechts 51
- Die staatsbürgerliche Stellung der Juden im Vormärz
- und das Auftauchen der »Judenfrage« 53
- Die bürgerliche Revolution von 1848 und die veränderte staatsbürgerliche Stellung der Juden 59
- Juden als österreichische Reichsbürger 62
- Inklusion und Exklusion von Juden in der Zeit des Neoabsolutismus 64
- Das Heimatrecht der österreichischen Juden 70
- Die Sonderstellung der »türkischen« Juden 74
- Die Entwicklung von Heimatrecht und Staatsbürgerschaft in der Epoche des Ausgleichs 77
- Der Anteil der Juden an den Einbürgerungen 77
- Die Vermehrung der jüdischen Bevölkerung in Cisleithanien 80
- Die rechtliche Gleichstellung der Juden durch das Staatsgrundgesetz über die allgemeinen Rechte der Staatsbürger im Dezember 1867 82
- Rückkehr in die »verbotene Stadt« 83
- Paradoxe Fremde 85
- Die dualistische Verschärfung 86
- Motive für den Erwerb von Heimatrecht und Staatsbürgerschaft 88
- Heimatrecht und Staatsbürgerschaft jüdischer Frauen 90
- Heimatrecht und soziale Frage 91
- Der Fall Dr. Hugo Stark 92
- Der Fall Julia Singer 93
- Der Fall Lea Weitzmann 95
- »Schutzgenossen« und »Untertanen de facto« 96
- Zur Ambivalenz von Heimatrecht und Staatsbürgerschaft 97
- Die Nationalitätenkonflikte der Verfassungszeit und die (sprach-)nationale Identität der Juden 100
- Kafkas Sprachen 100
- Die Bedeutung von Bildung im Judentum 103
- Sprache, Nationalität und Recht im Unterrichtswesen 105
- Jüdische Kinder in den Mühlen des Nationalitätenkampfes 109
- Der Anteil jüdischer Schüler am höheren Bildungswesen 112
- Sprachen, Nationalitäten, Identitäten 114
- Das mehrsprachige Unterrichtswesen in der Bukowina 115
- Der Verdacht gegen die Mehrsprachigkeit 116
- Die Ethnisierung der Nationalitätenkonflikte 117
- Die Wiederkehr der »Judenfrage« in der Epoche des Ausgleichs 119
- Juden im Ersten Weltkrieg 130
- Theorie und Praxis von Heimatrecht und Staatsbürgerschaft in der Ersten Republik 132
- Die Aus- und Einbürgerungen des autoritären Ständestaates 141
- Verfolgung, Vertreibung, Ausbürgerung, Vernichtung während der NS-Herrschaft 146
- Die Implementierung der Nürnberger Gesetze in Österreich 146
- Signaturen der Vertreibung 152
- Die Ausbürgerung und der Befehl zur »Endlösung« 155
- Die Wiederherstellung der Staatsbürgerschaft in der Zweiten Republik 166
- Der Fall Raviv 172
- Staatenlosigkeit als Massenschicksal 187
- Der Fall Elias Canetti 188
- Der Fall Manès Sperber 200
- Semantische Nachbemerkungen 213
- Verzeichnis der Archive 222
- Literaturverzeichnis 223
- Verzeichnis der Abbildungen und Tabellen 244
- Zeittafel 245
- Register 264
- Personen 264
- Orte 269
- Sachen 271