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Die Vertretung der Tolerierten 39
ganz überflüssig«.121 Somit blieb es hinsichtlich der Rechtsverhältnisse der Juden in
den einzelnen Kronländern bei einer anhaltenden »Verschiedenheit im politischen
Zustand«. Diese begründete sich – im zeitgenössischen Urteil josephinisch gesinnter
Beamter – allerdings bloß noch aus den »Religionsbegriffen und Volksvorurteilen«,
die man hoffte, bald zum Verschwinden zu bringen.122
Wieder anders lagen die Verhältnisse in den italienischen Städten : Aus der Intention
heraus, die Hafenstadt Triest zu einem internationalen Freihandelszentrum zu machen,
waren Juden dort umfangreiche wirtschaftliche, religiöse und rechtliche Begünstigun-
gen gewährt worden. Schon 1746 hatte Maria Theresia den Triester Juden erlaubt, eine
Gemeinde zu bilden. Statthalter Graf Zinzendorf beförderte nach Kräften die Ansied-
lung von Protestanten und Juden in Triest und Görz/Gorizia. Das Privileg Maria The-
resias für die Triester Juden von 1771 bildete dann auch eine der Grundlagen für die
Toleranzgesetzgebung Josephs II.
– mit Ausnahme der Erlaubnis der Gemeindebildung.
Von einem Handschreiben des Kaisers vom 13. Mai 1781, mit dem er die Juden Triests
dazu aufforderte, ihre Kleidung den allgemeinen Gepflogenheiten anzupassen, ihre Bil-
dung zu verbessern sowie bürgerliche Berufe zu ergreifen, sahen sich diese fast verhöhnt.
All das hatten die Juden Triests nämlich längst schon getan.
Die Vertretung der Tolerierten
Trotz aller noch immer bestehenden Einschränkungen der bürgerlichen Rechte
– vor
allem hinsichtlich des Grundbesitzrechts und der Freizügigkeit
– und trotz aller loka-
len Verschiedenheiten eröffneten die Patente Josephs II. für die Juden nicht nur neue
Möglichkeiten gesellschaftlicher Partizipation, sondern ließen erstmals ein Gefühl der
Zugehörigkeit aufkommen, eine Möglichkeit, sich, wie Hans Tietze meint, »mit allen
Mitbürgern eins zu fühlen«.123 Dabei wurde die Judengesetzgebung zunehmend auch
international als Barometer für die Reife eines Staates, für Rechtsstaatlichkeit, für
gute Gouvernementalität gesehen.124 Die gewählten Vertreter der Juden traten dann
auch, sich auf die Patente berufend, zunehmend selbstbewusster für ihre Rechte ein
121 AVA Inneres, Hofkanzlei IV T 1, Nr. 226 aus Dezember 1789.
122 Barth-Barthenheim : Gesetzeskunde Bd. 1, S. 30. Siehe dazu auch : Albert Lichtblau : Als hätten
wir dazugehört. Österreichisch-jüdische Lebensgeschichten aus der Habsburgermonarchie (Wien/
Köln/Weimar 1999), S. 32.
123 Tietze, Juden Wiens, S. 130.
124 Wolf, Juden in Wien, S. 98. Der französische Soziologe Pierre Birnbaum bezeichnet den Zugang
zur Staatsbürgerschaft als »the central hallmark of legal emanicipation«. Pierre Birnbaum/Ira Katz-
nelson : Emancipation and the Liberal Offer, in : dieselben (Hg.) : Paths of Emancipation. Jews,
States, and Citizenship (Princeton, New Jersey 1995), S. 3–36, hier : S. 4.
Heimatrecht und Staatsbürgerschaft österreichischer Juden
Vom Ende des 18. Jahrhunderts bis in die Gegenwart
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Heimatrecht und Staatsbürgerschaft österreichischer Juden
- Subtitle
- Vom Ende des 18. Jahrhunderts bis in die Gegenwart
- Author
- Hannelore Burger
- Location
- Wien
- Date
- 2014
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79495-0
- Size
- 15.5 x 23.5 cm
- Pages
- 292
- Keywords
- Heimatrecht, Staatsbürgerschaft, Juden, Österreichische Juden, Judenemanzipation, Toleranz, Josephinische Reformen, Österreichische Monarchie, Ausgleich, Österreich-Ungarn, Erste Republik, Nationalsozialistische Judenverfolgung, Ausbürgerung
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
Table of contents
- Einführung 9
- Von der Epoche des josephinischen Reformabsolutismus bis zum Ende des Neoabsolutismus 15
- Die Frage der jüdischen Bürgerrechte in der Aufklärung 15
- Exkurs : Juden in den österreichischen Ländern vom Hochmittelalter bis in das Zeitalter der Emanzipation 19
- Die josephinische Zäsur 26
- Das böhmisch-mährische System der Familienstellen 29
- Das Toleranzpatent für die Juden Galiziens 34
- Anhaltende »Verschiedenheit des politischen Zustandes« 38
- Die Vertretung der Tolerierten 39
- Das Judenamt 40
- Die Hofkanzlei als Hüterin der Toleranz 45
- Taufen und Nobilitierungen 47
- Die Kodifizierung des Staatsbürgerschaftsrechts 51
- Die staatsbürgerliche Stellung der Juden im Vormärz
- und das Auftauchen der »Judenfrage« 53
- Die bürgerliche Revolution von 1848 und die veränderte staatsbürgerliche Stellung der Juden 59
- Juden als österreichische Reichsbürger 62
- Inklusion und Exklusion von Juden in der Zeit des Neoabsolutismus 64
- Das Heimatrecht der österreichischen Juden 70
- Die Sonderstellung der »türkischen« Juden 74
- Die Entwicklung von Heimatrecht und Staatsbürgerschaft in der Epoche des Ausgleichs 77
- Der Anteil der Juden an den Einbürgerungen 77
- Die Vermehrung der jüdischen Bevölkerung in Cisleithanien 80
- Die rechtliche Gleichstellung der Juden durch das Staatsgrundgesetz über die allgemeinen Rechte der Staatsbürger im Dezember 1867 82
- Rückkehr in die »verbotene Stadt« 83
- Paradoxe Fremde 85
- Die dualistische Verschärfung 86
- Motive für den Erwerb von Heimatrecht und Staatsbürgerschaft 88
- Heimatrecht und Staatsbürgerschaft jüdischer Frauen 90
- Heimatrecht und soziale Frage 91
- Der Fall Dr. Hugo Stark 92
- Der Fall Julia Singer 93
- Der Fall Lea Weitzmann 95
- »Schutzgenossen« und »Untertanen de facto« 96
- Zur Ambivalenz von Heimatrecht und Staatsbürgerschaft 97
- Die Nationalitätenkonflikte der Verfassungszeit und die (sprach-)nationale Identität der Juden 100
- Kafkas Sprachen 100
- Die Bedeutung von Bildung im Judentum 103
- Sprache, Nationalität und Recht im Unterrichtswesen 105
- Jüdische Kinder in den Mühlen des Nationalitätenkampfes 109
- Der Anteil jüdischer Schüler am höheren Bildungswesen 112
- Sprachen, Nationalitäten, Identitäten 114
- Das mehrsprachige Unterrichtswesen in der Bukowina 115
- Der Verdacht gegen die Mehrsprachigkeit 116
- Die Ethnisierung der Nationalitätenkonflikte 117
- Die Wiederkehr der »Judenfrage« in der Epoche des Ausgleichs 119
- Juden im Ersten Weltkrieg 130
- Theorie und Praxis von Heimatrecht und Staatsbürgerschaft in der Ersten Republik 132
- Die Aus- und Einbürgerungen des autoritären Ständestaates 141
- Verfolgung, Vertreibung, Ausbürgerung, Vernichtung während der NS-Herrschaft 146
- Die Implementierung der Nürnberger Gesetze in Österreich 146
- Signaturen der Vertreibung 152
- Die Ausbürgerung und der Befehl zur »Endlösung« 155
- Die Wiederherstellung der Staatsbürgerschaft in der Zweiten Republik 166
- Der Fall Raviv 172
- Staatenlosigkeit als Massenschicksal 187
- Der Fall Elias Canetti 188
- Der Fall Manès Sperber 200
- Semantische Nachbemerkungen 213
- Verzeichnis der Archive 222
- Literaturverzeichnis 223
- Verzeichnis der Abbildungen und Tabellen 244
- Zeittafel 245
- Register 264
- Personen 264
- Orte 269
- Sachen 271