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Die Sonderstellung der »türkischen« Juden 75
sephardische Juden, deren Vorfahren einst im Zuge der Reconquista aus Spanien
vertrieben und ins Osmanische Reich eingewandert waren – gingen auf die zahlrei-
chen wechselseitigen Begünstigungsklauseln in den Friedensverträgen von Karlowitz
(1699), Passarowitz (1718), Belgrad (1739) und Sistova (1791) zurück. Insbesondere
garantierte der Friede von Passarowitz den Untertanen beider Reiche Freizügigkeit
im jeweils anderen Staatsgebiet. So genossen die sephardischen, »türkischen« Juden
in Österreich weitgehend Religionsfreiheit, gründeten eigene Gemeinden in Triest/
Trieste/Trst und Wien, errichteten Synagogen und Bethäuser nach eigenem Ritus (in
Wien den architektonisch eindrucksvollen, im maurisch-orientalischem Stil gehalte-
nen Tempel in der Zirkusgasse) und waren in mancherlei Hinsicht grandiose Mittler
zwischen Orient und Okzident.254
Grundsätzlich war es den türkischen Händlern – Muslimen, Juden oder »Ra-
jas«255 – möglich, die österreichische Staatsbürgerschaft zu erwerben, auch wenn
die Pforte einen solchen Übertritt nach dem Frieden von Sistova vom August 1791
nicht mehr anerkannte und in Österreich der Grundsatz galt, dass »bei Erteilung
der Staatsbürgerschaft an türkische Untertanen nur sparsam vorgegangen« werden
solle.256 Mussten sich muslimische Untertanen der Hohen Pforte vor einem Über-
tritt »in die österreichische Bothmäßigkeit« taufen lassen, so war dies bei Juden nicht
erforderlich.257 Im Allgemeinen handelte es sich bei den seltenen Ansuchen um
Erlangung der Naturalisation um bereits länger in Österreich ansässige Großhänd-
ler, die die Erweiterung ihres Großhandelspatents um Waren anstrebten, die weder
österreichischer noch türkischer Herkunft waren und die dazu die österreichische
Staatsbürgerschaft benötigten. (Für alle anderen war es jedoch günstiger, die osma-
nische Staatsangehörigkeit zu behalten, da sie sonst bestimmte
– vor allem passrecht-
liche
– Vorteile verloren hätten).
Immer häufiger kam jedoch der umgekehrte Fall vor, dass österreichische Juden,
die nicht im Besitz einer Familienstelle waren oder deren Toleranz nicht verlängert
worden war, in die Türkei auswanderten, dort ottomanische Untertanen wurden
und später mit einem türkischen Pass (Teskères) nach Österreich zurückkehrten, um
auf diese Weise ein unbeschränktes Aufenthaltsrecht in Österreich zu erwerben.258
254 Vgl. Die Türken in Wien. Geschichte einer jüdischen Gemeinde. Jüdisches Museum Wien (Hg.).
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung (Wien 2010), siehe auch : N.M. Gelber : The Sephardic
Community in Vienna, in : Jewish Social Studies, 10 (1948), S. 359–396.
255 Nichtmuslimische Untertanen der Hohen Pforte.
256 Hofdekret v. 12. Februar 1807, zit. nach : Vesque, Behandlung, S. 27.
257 Vgl. Christina Kaul : Die Rechtsstellung der türkischen Juden in Wien auf Grund der österrei-
chisch-türkischen Staatsverträge, Diplomarbeit (Salzburg 1990), S. 74f.
258 Vgl. Stoklásková, Fremdsein in Böhmen und Mähren, in : Heindl/Saurer (Hg.) : Grenze und Staat,
S. 673.
Heimatrecht und Staatsbürgerschaft österreichischer Juden
Vom Ende des 18. Jahrhunderts bis in die Gegenwart
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Heimatrecht und Staatsbürgerschaft österreichischer Juden
- Subtitle
- Vom Ende des 18. Jahrhunderts bis in die Gegenwart
- Author
- Hannelore Burger
- Location
- Wien
- Date
- 2014
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79495-0
- Size
- 15.5 x 23.5 cm
- Pages
- 292
- Keywords
- Heimatrecht, Staatsbürgerschaft, Juden, Österreichische Juden, Judenemanzipation, Toleranz, Josephinische Reformen, Österreichische Monarchie, Ausgleich, Österreich-Ungarn, Erste Republik, Nationalsozialistische Judenverfolgung, Ausbürgerung
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
Table of contents
- Einführung 9
- Von der Epoche des josephinischen Reformabsolutismus bis zum Ende des Neoabsolutismus 15
- Die Frage der jüdischen Bürgerrechte in der Aufklärung 15
- Exkurs : Juden in den österreichischen Ländern vom Hochmittelalter bis in das Zeitalter der Emanzipation 19
- Die josephinische Zäsur 26
- Das böhmisch-mährische System der Familienstellen 29
- Das Toleranzpatent für die Juden Galiziens 34
- Anhaltende »Verschiedenheit des politischen Zustandes« 38
- Die Vertretung der Tolerierten 39
- Das Judenamt 40
- Die Hofkanzlei als Hüterin der Toleranz 45
- Taufen und Nobilitierungen 47
- Die Kodifizierung des Staatsbürgerschaftsrechts 51
- Die staatsbürgerliche Stellung der Juden im Vormärz
- und das Auftauchen der »Judenfrage« 53
- Die bürgerliche Revolution von 1848 und die veränderte staatsbürgerliche Stellung der Juden 59
- Juden als österreichische Reichsbürger 62
- Inklusion und Exklusion von Juden in der Zeit des Neoabsolutismus 64
- Das Heimatrecht der österreichischen Juden 70
- Die Sonderstellung der »türkischen« Juden 74
- Die Entwicklung von Heimatrecht und Staatsbürgerschaft in der Epoche des Ausgleichs 77
- Der Anteil der Juden an den Einbürgerungen 77
- Die Vermehrung der jüdischen Bevölkerung in Cisleithanien 80
- Die rechtliche Gleichstellung der Juden durch das Staatsgrundgesetz über die allgemeinen Rechte der Staatsbürger im Dezember 1867 82
- Rückkehr in die »verbotene Stadt« 83
- Paradoxe Fremde 85
- Die dualistische Verschärfung 86
- Motive für den Erwerb von Heimatrecht und Staatsbürgerschaft 88
- Heimatrecht und Staatsbürgerschaft jüdischer Frauen 90
- Heimatrecht und soziale Frage 91
- Der Fall Dr. Hugo Stark 92
- Der Fall Julia Singer 93
- Der Fall Lea Weitzmann 95
- »Schutzgenossen« und »Untertanen de facto« 96
- Zur Ambivalenz von Heimatrecht und Staatsbürgerschaft 97
- Die Nationalitätenkonflikte der Verfassungszeit und die (sprach-)nationale Identität der Juden 100
- Kafkas Sprachen 100
- Die Bedeutung von Bildung im Judentum 103
- Sprache, Nationalität und Recht im Unterrichtswesen 105
- Jüdische Kinder in den Mühlen des Nationalitätenkampfes 109
- Der Anteil jüdischer Schüler am höheren Bildungswesen 112
- Sprachen, Nationalitäten, Identitäten 114
- Das mehrsprachige Unterrichtswesen in der Bukowina 115
- Der Verdacht gegen die Mehrsprachigkeit 116
- Die Ethnisierung der Nationalitätenkonflikte 117
- Die Wiederkehr der »Judenfrage« in der Epoche des Ausgleichs 119
- Juden im Ersten Weltkrieg 130
- Theorie und Praxis von Heimatrecht und Staatsbürgerschaft in der Ersten Republik 132
- Die Aus- und Einbürgerungen des autoritären Ständestaates 141
- Verfolgung, Vertreibung, Ausbürgerung, Vernichtung während der NS-Herrschaft 146
- Die Implementierung der Nürnberger Gesetze in Österreich 146
- Signaturen der Vertreibung 152
- Die Ausbürgerung und der Befehl zur »Endlösung« 155
- Die Wiederherstellung der Staatsbürgerschaft in der Zweiten Republik 166
- Der Fall Raviv 172
- Staatenlosigkeit als Massenschicksal 187
- Der Fall Elias Canetti 188
- Der Fall Manès Sperber 200
- Semantische Nachbemerkungen 213
- Verzeichnis der Archive 222
- Literaturverzeichnis 223
- Verzeichnis der Abbildungen und Tabellen 244
- Zeittafel 245
- Register 264
- Personen 264
- Orte 269
- Sachen 271