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84 | Österreichische Kunstlandschaften und regionale Charakteristika
zu besitzen. Die Wände, gleichgültig ob gebaucht oder gerade, scheinen erst durch die
Stollen ihre nötige Beständigkeit zu erhalten, die Stützen bestimmen wesentlich das
Gesamterscheinungsbild der Bänke. Die unterschiedliche Behandlung der Oberfläche
betont noch die vorgebliche Funktion der Baluster, denn während Letztere schwere
Schnitzarbeiten aufweisen, sind die folienartigen Flächen dazwischen mit Furnieren
ausgelegt. Insgesamt wirken Kirchenbänke aus Kärnten und der Steiermark entschie-
den wuchtiger und schwerer als die aus anderen Kunstlandschaften.191 Diese Beobach-
tung wirft die Frage nach der Provenienz der Stilmerkmale auf, leider kann sie nicht
mit Sicherheit beantwortet werden. Überzeugende Vorbilder für diesen Regionalstil
sind nicht bekannt, doch lassen die Bänke durch ihr optisches Gewicht an italienische
Renaissancemöbel denken, deren Vorderseiten oft von ähnlich massigen Akanthus-
voluten flankiert werden.192 Vermutlich ist also auch in diesem Zusammenhang mit
einer Übernahme italienischer Lösungen durch österreichische Handwerker zu rech-
nen. Dabei beeindruckt die Wahl der verwendeten Ornamentmotive, die vielfach ein
exzessives Nebeneinander von italienischem und französischem Formenvokabular zu
erkennen geben (Abb. 28, 173, 174, 182–186).
Weiter muss auf die Bänke in den steirischen Kirchen zu Gröbming, Pürgg und
Frauenberg (Farbtaf.
17 ; Abb.
194, 232) aufmerksam gemacht werden. Die Entfernung
zwischen den beiden erstgenannten Orten beträgt knapp 25 km, die zwischen Gröb-
ming und Frauenberg ca. 50 km. Die Wangen in Gröbming und Pürgg sind nahezu
identisch, die in Frauenberg etwas kunstvoller und aufwendiger. Die Docken weichen
durch die Massengliederung deutlich von den Exemplaren in den übrigen österreichi-
schen Regionen ab. Während in Frauenberg zwei aufeinander gestellte Hochrechtecke
eine Achse mit geraden senkrechten Seiten bilden, formen die ebenfalls zweigeteil-
ten Bankwangen in Gröbming und Pürgg Stelen mit geschweiften Vorderkanten. Die
Tischler scheinen ein und dieselbe künstlerische Idee beim Bau ihrer Möbel mehrfach
variiert zu haben. Über eine Antwort auf die Frage nach der Herkunft dieser Invention
lässt sich bisher nur spekulieren.
Eine weitere formale Eigenart präsentieren Sakristeimöbel in jener Kunstlandschaft.
In den anderen Landesteilen wurden Hochschränke vor Fensterpfeilern als voneinan-
der unabhängige Einzelelemente konzipiert, als ein Beispiel unter vielen weist das Sa-
kristeiinterieur im Servitenkloster zu Innsbruck (Abb. 313) entsprechende Merkmale
auf. In den südwestlichen Regionen des Landes legen sich Gebälk und Schnitzauszug
191 Eine Ausnahme liegt in der Abtstalle von St. Peter in Salzburg vor (Farbtaf. 11).
192 Schmitz, Möbelwerk (1929), 94 ; Colombo, L’arte (1981), Abb. 175, 190, 266 ; Manni, Mobili (1993),
Abb. 53, 72. Die Abbildungen zeigen Truhen und einen Aufsatzschrank aus der Toskana, dem venezi-
anisch-lombardischen Raum und aus der Emilia Romagna.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Sakralmöbel aus Österreich
Von Tischlern und ihren Arbeiten im Zeitalter des Absolutismus, Volume II: Kunstlandschaften im Norden, Süden und Westen
- Title
- Sakralmöbel aus Österreich
- Subtitle
- Von Tischlern und ihren Arbeiten im Zeitalter des Absolutismus
- Volume
- II: Kunstlandschaften im Norden, Süden und Westen
- Author
- Michael Bohr
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21246-1
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 628
- Keywords
- Baroque, applied arts, church furnishings, Barock, Kunsthandwerk, Sakralmöbel
- Category
- Kunst und Kultur
Table of contents
- Vorwort 11
- Teil 1 Vorbemerkungen
- Teil 2 Grundlegendes
- I. Die Auftragsvergabe 27
- II. Handwerker und Kunsthandwerker 35
- III. Künstlerische Inventionen, Modelle und Entwürfe 43
- Zur Geschichte 43
- Allgemeines 44
- Modelle für Sakralmöbel 45
- Die Frage nach der Urheberschaft von Entwürfen für Sakralmöbel 47
- Entwürfe und Modelle von Architekten und Baumeistern 47
- Entwürfe und Modelle von »Tischler-Architekten« 50
- Entwürfe und Modelle von Tischlern und Zimmerleuten 51
- Entwürfe von Bildhauern und Bildschnitzern 53
- Entwürfe eines Theateringenieurs und eines Theaterdekorateurs 53
- Entwürfe von Ornamentkünstlern und die Rezeption von Ornamentstichen 54
- Entwürfe von Stuckateuren und die Rezeption von Stuckarbeiten 55
- IV. Barocke Möbel und sakraler Raum 57
- V. Zeittypische Stilbildungen 69
- VI. Österreichische Kunstlandschaften und regionale
- Teil 3 Katalog – Beiträge zu den Sakralanlagen – Tafeln
- Hinweise 91
- Hinweise zu Provenienzen, Datierungen und Materialien 91
- Hinweise zu den angegebenen Maßen 91
- Hinweise zu den zitierten Schriftquellen 92
- I. Sakralbauten im Burgenland 93
- II. Sakralbauten in Kärnten 114
- Friesach, Stadtpfarrkirche hl. Bartholomäus 114
- Gösseling, Filialkirche hl. Michael 120
- Griffen, Ehemaliges Prämonstratenserstift 122
- Griffen, Alte Pfarrkirche Unsere Liebe Frau 122
- Griffen, Pfarr- und ehemalige Stiftskirche Mariae Himmelfahrt 125
- Gurk, Konkathedrale und Pfarrkirche Mariae Himmelfahrt 129
- Klagenfurt, Dom- und Stadtpfarrkirche St. Peter und Paul 146
- Loschental, Filialkirche hl. Josef 151
- Benediktinerstift St. Paul im Lavanttal 154
- Villach, Stadthauptpfarrkirche hl. Jakob d. Ä 171
- Völkermarkt, Stadtpfarrkirche hl. Maria Magdalena 177
- III. Sakralbauten in Salzburg/Stadt und Land 183
- Maria Plain, Wallfahrtskirche Maria Plain (Maria Himmelfahrt) 183
- Mattsee, Kollegiatstift 189
- Michaelbeuern, Benediktinerstift 196
- Salzburg, Benediktiner-Erzabtei St. Peter 206
- Salzburg, Dreifaltigkeitskirche 219
- Salzburg, Metropolitankirche hll. Rupert und Virgil 229
- Salzburg, St. Markus 244
- Salzburg-Mülln, Stadtpfarrkirche zu Unserer Lieben Frau Mariae
- Himmelfahrt 248
- IV. Sakralbauten in der Steiermark 255
- Frauenberg, Pfarr- und Wallfahrtskirche Mariä Opferung 255
- Graz, Barmherzige Brüder, Kloster und Spital 263
- Graz, Dom- und Pfarrkirche St. Ägidius 272
- Graz, Franziskanerkloster 289
- Graz, Pfarr- und Wallfahrtskirche Mariatrost 292
- Graz, Pfarrkirche St. Andrä 305
- Graz, Welsche Kirche / Kirche hl. Franz de Paula 309
- Gröbming, Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt 312
- Mariahof, Pfarrkirche hl. Maria 323
- Neuberg an der Mürz, Pfarrkirche Maria Himmelfahrt 333
- Pöllau, Pfarrkirche St. Veit 347
- Pürgg, Pfarrkirche St. Georg 359
- Rein, Zisterzienserstift 365
- Rottenmann, Stadtpfarrkirche St. Nikolaus 381
- St. Lambrecht, Benediktinerabtei 386
- Vorau, Augustiner-Chorherrenstift 404
- V. Sakralbauten in Tirol 419
- Bad Mehrn, Filialkirche hl. Bartholomäus 419
- Brixlegg, Pfarrkirche Unsere Liebe Frau 424
- Innsbruck, Hofkirche zum hl. Kreuz 430
- Innsbruck, Jesuitenkirche zur hl. Dreifaltigkeit 437
- Innsbruck, Servitenkloster 449
- Kramsach, Maria Thal, Pfarrkirche hl. Dominikus 459
- Kundl, Filial- und Wallfahrtskirche St. Leonhard auf der Wiese 469
- St. Georgenberg, Benediktinerabtei 478
- Stams, Zisterzienserabtei 487
- Wilten, Prämonstratenser-Chorherrenstift 513
- VI. Sakralbauten in Vorarlberg 525
- Teil 4 Zusammenfassung und Ausblick – Glossar – Verzeichnisse – Literatur- Zusammenfassung und Ausblick
- Ziele der Untersuchung 551
- Zum strukturellen Aufbau der beiden Bücher 551
- Auftraggeber und Finanziers der Ausstattungen 552
- Wer waren die Tischler ? 553
- Wer waren die Entwerfer der Möbelgarnituren ? 555
- Zusammenarbeit von Tischlern mit anderen Gewerken 556
- Sakralmöbel und Ambiente 558
- Vermittlung und Weitergabe neuer Formen – Österreichische
- Kunstlandschaften 560
- Fazit und Ausblick 562
- Glossar 564
- Ortsindex 573
- Künstlerverzeichnis 577
- Abkürzungsverzeichnis 582
- Abbildungsnachweis 586
- Literaturverzeichnis 587